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BRT-System in Dakar könnte bis zu 10.000 Arbeitsplätze gefährden – ITF-Bericht fordert die Einbeziehung informell Beschäftigter

09 Feb 2021

Dakar, 1. Februar 2021 - Bis zu 10.000 Arbeitsplätze im informellen Sektor von Dakar könnten gefährdet sein, wenn nicht mehr getan wird, um informell Beschäftigte in das geplante Schnellbusprojekt (BRT) der Stadt einzubeziehen, warnt ein von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation in Auftrag gegebener Bericht.

Der Dakar Bus Rapid Transit Labour Impact Assessment Research Report 2020 beleuchtet die Situation der informell Beschäftigten im öffentlichen Personennahverkehr in Dakar und die größten Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, wie z. B. unsichere Arbeitsplätze, niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, Belästigung und fehlende Ausbildung oder Wege in eine formalisierte Arbeit. Der Bericht wird diese Woche anlässlich der Konferenz “Transforming Transport 2021” veröffentlicht, die von der Weltbank mitorganisiert wird. Neben der Europäischen Investitionsbank und dem Grünen Klimafonds ist die Weltbank der Hauptfinanzierungspartner des BRT-Projekts in Dakar.

Basierend auf Untersuchungen, die vor der weltweiten Covid-19-Pandemie durchgeführt wurden, sind die Ergebnisse des Berichts umso bedeutsamer, als die Regierungen Pläne zur wirtschaftlichen Erholung ausarbeiten. “Covid-19 hat die Schutzlosigkeit der Arbeitskräfte im Verkehrssektor, insbesondere der informell Beschäftigten, deutlich gemacht,” erklärte Papa Sakho von der Université Cheikh Anta Diop in Dakar, einer der Autoren des Berichts.
Da sie kaum finanzielle Absicherungsnetze haben, sind informelle Verkehrsbeschäftigte von der Pandemie besonders schwer getroffen. Bessere Eingliederung, Mitsprache und Wege in die Beschäftigung würden Tausenden von Frauen und Männern in einer Zeit beispielloser wirtschaftlicher Not zugute kommen. BRT könnte eine Chance darstellen, Bereiche der informellen Verkehrswirtschaft zu formalisieren und zu verhindern, dass einige der am meisten gefährdeten Beschäftigten Dakars auf der Strecke bleiben.

Die Studie stellt ein extremes Maß an Unsicherheit unter den Beschäftigten im informellen Verkehrssektor Dakars fest: Nur sechs Prozent gaben an, dass sie einen Arbeitsvertrag mit ihrem Arbeitgeber haben. Bei Frauen war der Anteil derer, die einen Vertrag hatten, geringer: nur 2,5 Prozent im Vergleich zu 7,5 Prozent der Männer. Zwei Drittel aller erfassten Beschäftigten (68,7 Prozent) hatten keinen regulären Arbeitsplatz, und 57 Prozent der befragten Personen erklärten, ihr Einkommen direkt aus den Fahrgeldeinnahmen zu beziehen.

Der Bericht nennt praktische Schritte für einen gerechten Übergang vom informellen zum formellen Verkehrssektor. Dazu gehört die vertiefende Untersuchung der Strukturen informeller Beschäftigung und die Bewertung der potenziellen Auswirkungen von Schnellbussystemen auf den Lebensunterhalt und die Arbeitsbedingungen von informell Beschäftigten.

Im Rahmen des BRT-Konsultations- und Planungsprozesses müssen außerdem die geschlechtsspezifischen Auswirkungen des Projekts analysiert werden. In den eher prekären Verkehrsberufen im Senegal sind mehr Frauen als Männer tätig, die daher von der Formalisierung und der Einführung von Schnellbussystemen unverhältnismäßig stark betroffen sein werden. So arbeiten beispielsweise die wenigen in Bussen tätigen Frauen als Schaffnerinnen, was sie einem hohen Risiko aussetzt, ihren Arbeitsplatz durch Automatisierung zu verlieren. Auch in handeltreibenden Tätigkeiten an Bahnhöfen oder Haltestellen sind Frauen stärker vertreten als Männer.

Trotz der Empfehlungen aus dem Bericht des Instituts für Verkehrs- und Entwicklungspolitik (ITDP) “Pre-Feasibility Study for Bus Rapid Transit in Dakar” aus dem Jahr 2004 sowie der Vorgaben der Weltbank, die sozialen und ökologischen Folgen von Schnellbussystemen zu analysieren, wurden zum Zeitpunkt der Studie die Auswirkungen auf die Existenzgrundlagen der informellen Verkehrsdienste, die durch die Einführung von BRT bedroht sind, wenig oder gar nicht berücksichtigt. Gewerkschaften und Verbände, die Beschäftigte im informellen Verkehrssektor vertreten, wurden ebenfalls nicht zu Rate gezogen.
Unter den für den Bericht befragten informell Beschäftigten war der Kenntnisstand über BRT sehr gering: 76,5 Prozent der Arbeiter gaben an, nichts von dem Plan zu wissen. Obwohl sich dies mit dem Beginn der Bauarbeiten für das BRT-System wahrscheinlich geändert hat, wird daraus deutlich, wie wenig getan wurde, um sie in der Anfangsphase des Projekts einzubinden. “Als ich aus dem Dorf zurückkam, hörte ich, dass wir vertrieben worden waren. Ich bin noch nicht einmal angemeldet und habe erst durch die Presse erfahren, dass die BRT-Arbeiten beginnen”, erklärte ein Händler in einem Busdepot. Über 56 Prozent der befragten Beschäftigten gaben an, dass sie mit der Einführung des Schnellbussystems Gefahr laufen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Der Bericht enthält mehrere Empfehlungen, um einen inklusiven und gerechten Übergang zum BRT-System zu gewährleisten, angefangen mit der Einbindung von informell Beschäftigten und Gewerkschaften in den Konsultationsprozess. Es wurden zwar Vertreter*innen der Fahrzeugeigentümer in die BRT-Konsultationen einbezogen, aber sie sprechen nicht für alle Beschäftigten, und in einigen Bereichen können sogar erhebliche Interessenunterschiede bestehen.

Der Bericht empfiehlt des Weiteren, den eigenen Vorschlägen der Beschäftigten zur Formalisierung ihrer Branche Gehör zu schenken. Diese Vorschläge beinhalten die Bereitstellung von mehr Möglichkeiten zur Berufsausbildung, insbesondere für Frauen, die Bevorzugung von informell Beschäftigten bei der Einstellung von BRT-Personal und die Verbesserung der Arbeitsstätten, unter anderem durch die Bereitstellung von Einrichtungen wie Toiletten und Unterständen sowie von Trinkwasser.

Unter der Leitung von Gora Khouma, dem Generalsekretär der Union des Routiers du Sénégal (URS), standen die ITF und ihre lokalen Mitgliedsorganisationen und Fahrerverbände bereits in Kontakt mit dem Exekutivrat für ÖPNV in Dakar (CETUD) zum Thema BRT und der Förderung menschenwürdiger Arbeit im öffentlichen Personennahverkehr.

“Wir appellieren an den CETUD, die senegalesischen Behörden, die Weltbank und andere internationale Geber und Investoren, das Wohlergehen Tausender informell Beschäftigter innerhalb der BRT an die erste Stelle zu setzen", erklärt der ITF-Koordinator für das französischsprachige Afrika Bayla Sow. “Die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und ihres Lebensunterhalts wird wiederum den Fahrgästen und der gesamten Wirtschaft Dakars zugute kommen.”

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