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Japanischer Autotransporter in Melbourne für Crewwechsel arrestiert

26 Oct 2020
Presseerklärung

Dank der Mithilfe von Mitarbeiter*innen der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) konnte verhindert werden, dass ein von einem japanischen Unternehmen bereederter Autotransporter im Hafen von Melbourne den australischen Behörden entwischte. Das Schiff hatte Anfang dieser Woche Fahrzeuge, unter anderem der Hersteller Great Wall, Hyundai, Kia und Subaru, nach Australien befördert.

Mehrere Besatzungsmitglieder der unter der Fahne von Panama fahrenden MV Metis Leader hatten nicht nur die nach dem Seearbeitsübereinkommen zulässige Dienstzeit von elf Monaten, die auch für im Schiffsregister von Panama eingetragene Schiffe gilt, sondern auch die von den australischen Behörden erlaubte Dienstzeit von vierzehn Monaten bereits überschritten.

Wie der stellvertretende ITF-Koordinator für Australien Matt Purcell berichtet, hatten die internationale Organisation und ihr angeschlossene Gewerkschaften herausgefunden, dass an Bord des Autoschiffes Seeleute über die zulässige Höchstzeit hinaus arbeiteten. Demnach hätten sich zum Zeitpunkt der Festsetzung des Schiffs die folgenden Besatzungsmitglieder an Bord befunden:

  • fünf Seeleute bereits seit fast zwölf Monaten,
  • zwei Seeleute seit vierzehn Monaten,
  • drei Seeleute seit über fünfzehn Monaten, darunter der Kapitän.

“Seeleute so lange an Bord arbeiten zu lassen, verstößt nicht nur gegen ihre Rechte, sondern ist auch der sicherste Weg in eine menschliche und ökologische Katastrophe,” so Purcell.

“Alle Beschäftigten haben ein Recht, nach dem Ende der Verträge, die sie unterzeichnet haben, ihre Arbeit zu beenden. Seeleuten die Möglichkeit zu verwehren, von Bord zu gehen und zu ihren Familien zurückzukehren, bedeutet, dass sie zur Arbeit gezwungen werden. Was hier geschehen ist, läuft auf eine Situation der Zwangsarbeit hinaus.”

Purcell zufolge versuchten die von der Reederei beauftragten japanischen Bemannungsagenturen World Marine Company und WSS Shipping die Gewerkschaftsinspektoren davon abzuhalten, an Bord zu gehen, um das Befinden der Besatzungsmitglieder zu überprüfen und dabei zu helfen, sie aus ihrer Lage zu befreien.

“Das Unternehmen wollte uns daran hindern, an Bord zu gehen und dafür zu sorgen, dass diese Seeleute nicht länger gegen ihren Willen festgehalten werden,” sagte Purcell.

Die Agenten der Reederei hätten versucht, ihm das Betreten des Schiffs unter dem Vorwand von Covid-19-Vorkehrungen zu verwehren, obwohl in Victoria bei einer Bevölkerung von knapp fünf Millionen Menschen an diesem Tag lediglich zwei neue Infektionsfälle verzeichnet worden seien.

“Die Reederei wollte das volle Ausmaß ihres Betrugs an dieser ausgelieferten Besatzung und ihre Pläne, diese Farce der Zwangsarbeit einen weiteren Monat zu hinauszuziehen, eindeutig vor uns verbergen.”

Glücklicherweise gaben die für das Schiff abgeschlossenen ITF-Verträge Purcell das Recht, an Bord zu gehen und sich persönlich ein Bild von der Situation der Crew zu verschaffen.

“Nachdem das Schiff auf unser Drängen von der australischen Behörde für Seeverkehrssicherheit arrestiert wurde, werden nun fünf Besatzungsmitglieder von Melbourne auf die Philippinen zurückgeflogen, darunter der Kapitän und mehrere Schiffsingenieure. Das Schiff darf den Hafen erst verlassen, wenn die Reederei diese müden und erschöpften Seeleute nach Hause schafft und von einer neuen Besatzung ablösen lässt,” so Purcell.

Aufgrund des Just-in-Time-Modells bei der Einfuhr von Neufahrzeugen verliert die Schifffahrtsgesellschaft Purcell zufolge an jedem Tag, den das Schiff untätig in den Gewässern um Melbourne liegt, bis zu 100.000 US-Dollar. Ursprünglich sollte die MV Metis Leader am Mittwoch um 15 Uhr Ost-Australische Standardzeit aus dem Hafen von Melbourne auslaufen, so Purcell. Am Donnerstagabend saß das Schiff noch in Melbourne fest, wahrscheinlich zu erheblichen Kosten für das Unternehmen.

“Wir glauben, dass die japanische Reederei NYK die Absicht hatte, unentdeckt durch Melbourne zu entkommen und nach Jakarta weiterzufahren, indem sie der Crew ein weiteres Mal versprach, sie im nächsten Hafen zu ihren Familien zurückzuführen.”

Pucell berichtet, dass der Besatzung schon vorher die Heimschaffung in Aussicht gestellt worden sei, da die Metis Leader nach diesen diesen langen Monate an Bord mehrere Länder passiert habe, in denen die Ablösung von Schiffsbesatzungen möglich ist. So habe die Metis Leader beispielsweise fünf oder sechs Mal Singapur passiert.

Der ITF-Koordinator für Australien Dean Summers bezeichnete den Fall der MV Metis Leader angesichts der nunmehr seit acht Monaten anhaltenden Crewwechsel-Krise als “Weckruf” für die internationale Schifffahrtswirtschaft.

“Die heutige Lektion ist sehr klar: Wenn ihr Seeleute über die ursprüngliche Vertragszeit hinaus arbeiten lasst – wenn Besatzungsmitglieder ihre Dienstzeit beendet haben und nicht mehr bereit sind, das Schiff zu bedienen, und hierfür auch keine Sicherheit mehr gewährleistet werden kann – werden die ITF, die uns angeschlossenen Gewerkschaften und die australischen Behörden euer Schiff arrestieren und festsetzen, bis ihr diese Missstände abstellt, ganz gleich, wie hoch die Kosten für euch oder den Frachteigner sind.”

Und Summers weiter:“Crewwechsel sind in Häfen auf der ganzen Welt möglich. Wir leben inzwischen seit acht Monaten mit Covid-19, und es gibt keine Entschuldigung für die Verzögerung oder den Aufschub von Crewwechseln. Die Heimschaffung von Seeleuten und ihre Ablösung durch eine neue Besatzung liegt in der Verantwortung der Arbeitgeber und der Reeder. Wir werden alles tun, damit diese Verantwortung für jeden einzelnen Seemann wahrgenommen wird.”

“Unsere Botschaft an Reeder, Bemannungsagenturen, Befrachter und die Unternehmen, die ihre Waren per Schiff transportieren lassen, lautet: Wenn ihr nicht sicherstellt, dass eure Besatzungen abgelöst werden, werden wir uns dafür einsetzen, dass eure Schiffe gestoppt und die erschöpften Seeleute, die sie bedienen, aus den Fesseln der Zwangsarbeit befreit werden.”

“Sorgt dafür, dass eure Lieferketten bis Weihnachten frei von Ausbeutung sind. Sonst werden wir es tun,” so Summers.

Hinweise:

  • Bis zum 14. September erlaubte Panama Reedern, eine dreimonatige Verlängerung von Verträgen auf Schiffen, die in seinem Register eingetragen sind, zusätzlich zu den elf laut Seearbeitsübereinkommen zulässigen Monaten zu beantragen.
  • Seitdem haben die panamaischen Behörden solche Verlängerungen nur in Ausnahmen geprüft und genehmigt. Ohne Vertragsverlängerung dürfen Besatzungsmitglieder auf unter Panama-Flagge fahrenden Schiffe nicht länger als die vom Seearbeitsübereinkommen vorgesehenen elf Monate an Bord sein.
  • Selbst wenn Verlängerungen genehmigt werden, geschieht dies in der Regel unter der Bedingung, dass Reeder einen nachweisbaren Plan für die Heimschaffung der an Bord befindlichen Seeleuten vorlegen können. Die Verlängerung sollte dafür genutzt werden dienen, die Seeleute heimzuschaffen und von einer neuen Besatzung ablösen zu lassen.
  • Seit dem 1. Oktober gilt in Australien die Regelung, dass in seinen Hoheitsgewässern die Dienstzeit von Seeleuten an Bord von Schiffen während der Covid-19-Pandemie 14 zusammenhängende Monate nicht überschreiten darf.
  • Die philippinische Crew der Metis Leader ist inzwischen von Bord und wird über den Tullamarine Airport von Melbourne nach Hause zurückfliegen.
  • Die Agenten der Reederei haben einen australischen Skipper (Kapitän) und Ingenieur angeheuert.
  • Die abgemusterten Seeleute und die bleibenden Besatzungsmitglieder wurden vom Unternehmen angewiesen, nicht mit den Medien zu sprechen.
  • Nach Schätzungen der Internationalen Schifffahrtskammer sitzen weltweit derzeit 400.000 Seeleute an Bord von Schiffen fest und sind gezwungen, weiterzuarbeiten.
  • Der Fall des Schiffs folgt auf eine Reihe von Schiffsarrestierungen durch die australische Hafenstaatkontrolle ASMA seit dem Beginn der Crewwechsel-Krise, darunter die Festsetzung des mit Aluminium beladenen Frachters MV Union Jasper in Newcastle (New South Wales). Das Schiff wurde für mehrere Wochen stillgelegt. In dieser Zeit wurden neue Besatzungsmitglieder zur Ablösung der Crew eingeflogen, die nach über 14 Monaten an Borf gerettet wurde.