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Zuspitzung der Crewwechsel-Krise verstärkt den Handlungsdruck auf die Regierungen

22 Jul 2020

ITF-Erklärung zur Crewwechsel-Krise – 16. Juli 2020

Heute vor einem Monat teilte die ITF den Regierungen der Welt unter der Losung "Genug ist genug" mit, dass sie und ihre Mitgliedsorganisationen den Seeleuten der Welt von nun an bei der Durchsetzung ihres Rechts helfen werden, die Arbeit zu beenden, ihr Schiff zu verlassen und nach Hause zu ihren Familien zurückgeführt zu werden, sobald ihre Verträge abgelaufen sind.

Heute vor zwei Monaten setzten die ITF und ihre Partnerorganisationen in der gemeinsamen Verhandlungsgruppe der Reeder (IMEC, IMMAJ, KSA und Evergreen, gemeinsam bekannt unter dem Kürzel JNG) den Regierungen eine ultimative Frist zur Umsetzung praktischer Maßnahmen im Einklang mit den Protokollen, die im 12-Stufen-Plan der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) am 5. Mai 2020 dargelegt sind.

In der Zeit seit diesen wichtigen Daten sind zwar einige positive Entwicklungen zu verzeichnen, aber die Regierungen haben keine ausreichenden Fortschritte gemacht, um die Ausnahmeregelungen und Protokolle herbeizuführen, die für die Durchführung reibungsloser Crewwechsel in aller Welt erforderlich sind. 

Nach wie vor ist es Tausenden von Seeleuten nicht möglich, ihre Arbeit zu beenden, nach Hause zurückzukehren und von neuen Besatzungsmitgliedern abgelöst zu werden. Fehlende internationale Flugverbindungen sind zwar ein großer Faktor, aber die Hauptursache sind nach wie vor Grenz- und Reisebeschränkungen, die von den Regierungen gegen die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie verhängt wurden. Der Internationalen Schifffahrtskammer (ICS) zufolge sind inzwischen mindestens 400.000 Seeleute durch die Auswirkungen der durch diese staatlichen Maßnahmen verursachten Crewwechsel-Krise in Mitleidenschaft gezogen. Das betrifft sowohl diejenigen, die an Bord von Schiffen festsitzen, als auch diejenigen, die darauf warten, an Bord zu gehen, um endlich wieder ein Einkommen für sich und ihre Familien zu verdienen.

Wir schätzen auf Grundlage einer Hochrechnung der jüngsten Daten von Schiffen, die IBF-Verträgen unterstehen, dass aufgrund der Crewwechsel-Krise mittlerweile etwa 300.000 Seeleute weltweit an Bord von Schiffen gefangen sind und zwangsläufig weiterarbeiten müssen, während eine gleiche Anzahl arbeitsloser Seeleute an Land darauf wartet, sie abzulösen. Damit sind insgesamt 600.000 Seeleute von dieser Krise betroffen.

Die Regierungen müssen endlich aufwachen und sich der schlichtweg haltlosen und inakzeptablen Tatsache stellen, dass ohne die Wiederaufnahme von Crewwechseln zunehmend mehr müde und erschöpfte Seeleute auf den Schiffen der Welt gefangen sind und ihre Arbeit fortsetzen müssen. Seeleute und ihre Gewerkschaften sind sehr besorgt angesichts der Risiken für Menschenleben, Sachwerte und die Umwelt, denn die Wahrscheinlichkeit größerer Katastrophen nimmt täglich zu. Menschen werden sterben und Meeresküsten werden verpestet.

Es gibt gute Gründe für die globalen Vorschriften des Seearbeitsübereinkommens, die die Dienstzeit von Seeleuten an Bord von Schiffen begrenzen. Es gibt gute Gründe für das SOLAS-Übereinkommen, den Internationalen Code für Maßnahmen zur Organisation eines sicheren Schiffsbetriebs (ISM-Code) und das Übereinkommen über Normen für die Ausbildung, die Erteilung von Befähigungszeugnissen und den Wachdienst von Seeleuten (STCW-Übereinkommen). Alle maßgeblichen Übereinkommen wurden infolge und als Reaktion auf eine potenzielle Katastrophe in Kraft gesetzt. Wir brauchen JETZT dringende Maßnahmen, um eine Katastrophe zu verhindern.

Seit dem Beginn dieser sich ausbreitenden Krise haben die ITF und ihre Sozialpartner alles in ihren Möglichkeiten Stehende unternommen, um Alarm zu schlagen und auf praktische Änderungen zur Ermöglichung von Crewwechseln zu drängen. Gemeinsam haben wir praktische Lösungen erarbeitet und den Regierungen unterbreitet. 

Als Folge unserer Bemühungen haben die Vereinten Nationen über die IMO, ihre Sonderorganisation für maritime Angelegenheiten, unsere vorgeschlagenen Rahmenprotokolle für die Ablösung von Schiffsbesatzungen, einschließlich einer Befreiung von der Visumpflicht, verabschiedet. Die Annahme dieser Protokolle stellte zu dieser Zeit einen wichtigen Durchbruch bei den Regierungen dar, da sie damit den elementaren Beitrag anerkannten, den Seeleute für den Welthandel und die globalen Lieferketten leisten. Diese internationale Anerkennung wurde durch das Einschreiten der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) noch verstärkt, die die Regierungen an ihre Pflichten im Rahmen der für den Schifffahrtssektor geltenden Übereinkommen 108 und 185 sowie des Seearbeitsübereinkommens erinnerte.

Die ITF und ihre Sozialpartner setzen den Regierungen eine Umsetzungsfrist von 30 Tagen, um als Hafen- und Flaggenstaaten sowie als Herkunftsländer von Seeleuten die notwendigen Änderungen vorzunehmen, die die Durchführung von Crewwechseln faktisch ermöglichen würden. Als diese Umsetzungsfrist im Juni abgelaufen war, sagten wir "Genug ist genug". 

Mit dieser Grenzlinie stellten wir klar, dass die ITF und ihre Mitgliedsorganisationen dazu bereit sind, Seeleuten bei der Wahrnehmung ihres Rechts zu helfen, ihre Arbeit zu beenden, ihre Schiffe zu verlassen und zu ihren Familien zurückzukehren, wenn ihr Vertrag beendet ist und die Umstände entsprechend sicher sind. Im letzten Monat haben wir Tausende von Seeleuten dabei beraten und unterstützt, von diesem Grundrecht Gebrauch zu machen.

Indem wir klipp und klar gesagt haben, dass Seeleute es nicht hinnehmen werden, ohne Aussicht auf Ablösung endlos auf den Schiffen zu arbeiten, haben wir sicherlich den globalen Druck auf die Regierungen erheblich erhöht, diese Krise endlich zu lösen. Dank den Maßnahmen der ITF wurden in einigen Bereichen Fortschritte erzielt.

Wir begrüßen es, dass einige Regierungen Optionen einführten, um das Ausschiffen und die Ablösung von Seeleuten bei minimalen Risiken für die Bevölkerung vor Ort zu ermöglichen. Auch Großbritannien hat einen Beitrag geleistet, obwohl sich um die Küsten des Landes relativ wenige Seeleute befinden. Wir hoffen, dass die von den Philippinen im Juli angekündigten "Green Lanes" einen effektiven Ausweg für die Rückkehr und Ablösung der zahlreichen aus diesem Land stammenden Seeleute eröffnen. 

Einige Regierungen machen hingegen Rückschritte. Manche Länder lassen Seeleute nicht an Land gehen oder beschränken die Anzahl von Personen, die täglich in ihr Land einreisen dürfen. Das ist kontraproduktiv für die Rückkehr zu einer sicheren und nachhaltigen globalen Seeschifffahrt mit funktionierenden Crewwechseln, und solche Maßnahmen dienen auch keineswegs der humanitären Hilfe, die diese Seeleute dringend brauchen.

Wir freuten uns über die Zusagen der 13 Regierungen, die im Juli an der von Großbritannien ausgerichteten virtuellen internationalen Gipfelkonferenz zum Thema Crewwechsel teilnahmen. Sie versprachen Ausnahmen von Visum-, Grenz- und Quarantäneregelungen. Die ITF und ihre Mitgliedsorganisationen werden aufmerksam verfolgen, ob diese Regierungen ihren Worten Taten folgen lassen und ob sie für mehr Flugverbindungen sorgen werden, um Seeleute heimzufliegen bzw. zu den Schiffen zu bringen. Die ITF und ihre Mitgliedsorganisationen werden ferner die Regierungen von Ländern, die vom Seehandel abhängen, dazu auffordern, ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen und mit eigenen Zusagen zu weiteren Fortschritten beizutragen. Zu diesen Ländern gehören unter anderem Australien, China, Indien, Russland und Ukraine.

Darüber hinaus plant die ITF die folgenden Maßnahmen:

  • Fortsetzung unserer Kampagne "Genug ist genug" und der Unterstützung von Seeleuten bei der Ausübung ihres Rechts, nach Ablauf ihres Vertrags die Arbeit zu beenden und das Schiff zu verlassen;
  • gemeinsame Lobbymaßnahmen mit der ITF angeschlossenen Seeleutegewerkschaften bei nationalen Regierungen, um sie zu Maßnahmen im Hinblick auf Visabestimmungen, Quarantäneregelungen, Flugverbindungen und weiteren Angelegenheiten zu bewegen, die für die reibungslose Wiederaufnahme von Crewwechseln erforderlich sind;
  • Verurteilung jeglicher Versuche, Seeleute wegen der Wahrnehmung ihres Menschenrechts auf Beendigung ihrer Arbeit und Heimschaffung nach Vertragsende einzuschüchtern oder auf die schwarze Liste zu setzen;
  • Verurteilung jeglicher Versuche, Seeleuten die Schuld für die unvermeidlichen Folgen des Einsatzes zunehmend übermüdeter, erschöpfter und psychisch gestresster Besatzungen in der Weltflotte in die Schuhe zu schieben; und
  • Sondierung weiterer Möglichkeiten, um Regierungen unter Druck zu setzen, diese Krise ernst zu nehmen.

 

Wir haben bereits gesagt, dass Worte allein nicht genügen. Worte werden unsere Leute nicht von diesen Schiffen schaffen. Worte werden zu Hause wartenden, arbeitslosen Seeleuten keine Arbeit verschaffen. Worte werden keine Katastrophen verhindern.

Wir fordern Taten.


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Hier unsere Pressemitteilung zum Thema.

Wenn du ein Seemann/eine Seefrau bist, der/die sofortige Hilfe oder Unterstützung braucht, wende dich an das ITF-Team für die Unterstützung von Seeleuten.