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Zeit für Veränderungen: Psychische Gesundheit ist eine kollektive Aufgabe

12 Oct 2021
Bildquelle: Jake Lester Bodegas

Am Welttag der psychischen Gesundheit (Sonntag, 10. Oktober 2021) ruft die ITF die Akteure im gesamten Verkehrssektor auf, sich zusammenzutun und ihre kollektive Verantwortung wahrzunehmen, die psychische Gesundheit aller Beschäftigten als Priorität zu behandeln.

Die Organisation plädiert für einen kooperativen Ansatz, der die bestehenden Bemühungen von Gewerkschaften, Arbeitgebern und allen relevanten Interessengruppen, einschließlich der Regierung und internationaler Organisationen, in der gesamten Branche bündelt, um zu einer gemeinsamen Vereinbarung zu gelangen und einen Maßnahmenplan zu erstellen, der dazu beiträgt, einen echten und dauerhaften Wandel herbeizuführen.

Verantwortung übernehmen

Da die breite Auseinandersetzung mit den Risiken einer psychischen Erkrankung im Verkehrssektor gerade erst begonnen hat, appelliert die ITF an die Arbeitgeber, ihre Verantwortung zur Kenntnis zu nehmen, aktiv zu werden, sich zusammenzuschließen und Maßnahmen zu ergreifen, um Veränderungen herbeizuführen.

Beschäftigte im Verkehrssektor sind seit langem einem beispiellosen Maß an Stress und Druck ausgesetzt, da sie aufgrund der Beschaffenheit und des Umfelds ihrer Arbeit anfälliger für psychische Probleme sind. Vor allem Seeleute, Fernfahrer und bestimmte Beschäftigte bei den Bahnen sind über längere Zeiträume fern von zuhause, wodurch sie schwerer zu erreichen sind und selbst nicht ohne Weiteres Kontakt zu anderen aufnehmen können. Der erschwerte Zugang zu Dienstleistungen, Informationen, Kommunikation, Familie und Freunden trägt zur Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit bei. Außerdem macht es das Stigma, das die psychische Gesundheit im Verkehrssektor umgibt, den Beschäftigten oft schwer, ihre Probleme zu thematisieren und Unterstützung zu suchen.

Diese unablässigen Herausforderungen werden durch die pandemiebedingte Unsicherheit zusätzlich verschärft. Verkehrsbeschäftigte müssen sich mit sehr realen Problemen wie Lohnkürzungen, Arbeitsplatzverlust, Krankheit und längeren Phasen der Isolierung auseinandersetzen. Die verstärkten Sorgen tragen häufig zu einer größeren psychischen Belastung bei und erhöhen damit das Risiko, psychische Probleme zu entwickeln. Die ITF fordert, dass mehr getan wird, und zwar schnell.

Nach Meinung der ITF wird immer deutlicher, dass alle Beteiligten eigene Lehren aus der Situation ziehen und direkte Maßnahmen ergreifen müssen. Berichte belegen die bittere Realität, dass viele Menschen im maritimen Sektor Mühe haben, ihre täglichen Aufgaben zu bewältigen. Im Jahr 2019, lange vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie, gaben die ITF-Seeleutesektion und die ITF-Wohltätigkeitsstiftung für Seeleute (ITF Seafarers' Trust) bei der Yale University eine Untersuchung über psychische Gesundheit und Risikofaktoren bei Seeleuten in Auftrag. Laut der Studie lag die Verbreitungsrate von Depressionen und Angstzuständen unter den befragten Seeleuten bei 25 bzw. 17 Prozent. In den letzten 18 Monate haben sich diese schockierenden Zahlen zweifellos noch erhöht.

Die Bewältigung des Problems der psychischen Gesundheit mag zwar einigen Arbeitgebern in der Schifffahrtsindustrie als gewaltige Aufgabe erscheinen, dennoch ist die ITF der festen Überzeugung, dass es höchste Zeit ist, kollektive Maßnahmen zu ergreifen. Verkehrsbeschäftigte können nicht länger auf ein besseres und kohärenteres Konzept für die Förderung der psychischen Gesundheit warten, zumal wir nach wie vor mit den Folgeerscheinungen der Pandemie zu kämpfen haben.

Dazu ITF-Generalsekretär Stephen Cotton: "Die Covid-19-Pandemie hat sich in vielfältiger Weise auf die Beschäftigten in der Seeschifffahrt und dem gesamten Verkehrssektor ausgewirkt, unter anderem durch Stress und Sorgen um Gesundheit und Familie, soziale Isolation sowie seelische und körperliche Erschöpfung."

"Auch wenn einige Arbeitgeber während der Pandemie begrenzte Maßnahmen ergriffen haben, unter anderem durch den Zugang zu Beratungsstellen und Informationsmaterialien, fordern wir die Branche an diesem Welttag der psychischen Gesundheit auf, sich zusammenzutun und einen zentralen Maßnahmenplan zu erstellen, der der psychischen Gesundheit den Stellenwert und die Aufmerksamkeit einräumt, die sie erfordert und verdient. Die Beschäftigten, die wir vertreten, sind systemrelevante Arbeitskräfte, deren Einsatz oft nicht gewürdigt wird. Sie brauchen jetzt mehr Hilfe und Unterstützung denn je. Lassen wir sie nicht im Stich."

Anhaltende Unterstützung

Die ITF ist sich der Krise im Bereich der psychischen Gesundheit im gesamten Verkehrssektor bewusst und entwickelt und implementiert weiterhin Initiativen im Rahmen ihres globalen Programms für Gesundheit und Wohlbefinden, das darauf abzielt, für die Thematik zu sensibilisieren, Unterstützung zu bieten und Veränderungen anzustoßen. Vor dem Hintergrund der Pandemie war das Leben für die Berufsgruppe der Seeleute besonders schwierig, was die anhaltende Unterstützung durch das Programm umso wichtiger macht.

Um auf die besonderen Bedingungen der Covid-19-Pandemie zu reagieren, startete die ITF ihre innovative digitale Kampagne "Reflect, Recognise, and Reach out". Die Kampagne nutzt Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram, um Informationen, Ratschläge und Unterstützung zur Bewältigung von Stress, Depressionen und anderen psychischen Problemen zu vermitteln. Die auf drei Säulen basierende Kampagne fordert Seeleute dazu auf, die bestehenden Probleme und ihre Folgen für ihre psychische Gesundheit zu reflektieren (reflect), um sie in Angriff zu nehmen, die ersten Anzeichen und Symptome von Stress zu erkennen (recognise), um die Auswirkungen abzumildern, und sich schließlich Unterstützung zu holen (reach out), indem sie auf Dienste und andere Hilfsangebote hinweist.

Zu den weiteren, seit langem bestehenden Initiativen dieses Programms gehören Schulungsangebote und technische Unterstützung für die der ITF angeschlossenen Gewerkschaften, um ihren Mitgliedern den Zugang zu einer hochwertigen Fernberatung rund um die Uhr zu einer Reihe von Fragen des Wohlbefindens, einschließlich der psychischen Gesundheit, zu bieten. Dabei arbeitet die ITF mit großen Seeleutegewerkschaften wie der National Union of Seafarers of India (NUSI), der Associated Marine and Seafarers' Union of Philippines (AMOSUP), der Forward Seafarers' Union of India (FSUI), der National Union of Seafarers Sri Lanka (NUSS) und der türkischen Seeleutegewerkschaft TDS zusammen, um breitestmögliche Wirkung zu erzielen.

Darüber hinaus führt die ITF in Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsorganisationen aus verschiedenen Bereichen des Verkehrssektors regelmäßig Live-Seminare auf Facebook zu verschiedenen Themen der psychischen Gesundheit durch, die sie aufgrund der steigenden Nachfrage fortsetzen will. Jedes Live-Seminar hat Tausende von Verkehrsbeschäftigten erreicht, und die Aufzeichnungen wurden bisher über 100.000 Mal aufgerufen.

Um Beratungsangebote für Seeleute und ihre Familien bekannter und leichter zugänglich zu machen, hat die ITF ein entsprechendes Verzeichnis erstellt, das ITF Seafarers' Wellbeing Directory. Das Verzeichnis fasst die Ressourcen zusammen, die den der ITF angeschlossenen Gewerkschaften und anderen Organisationen zur Verfügung stehen, um Seeleuten den Zugang zu diesen wertvollen Diensten, die in ihren isolierten Arbeitsumgebungen für sie oft unerreichbar sind, weitestgehend zu erleichtern.

Im Rahmen des Programms wurde ferner eine Sammlung von Informationsblättern und Leitfäden zusammengestellt, die praktische Ratschläge zu einer Reihe von Fragen des Wohlbefindens bieten. Die Informationen wurden inhaltlich gestrafft, um den Zugang für alle Seeleute, die Unterstützung benötigen, möglichst einfach zu gestalten.

Die ITF-App für Seeleute wurde mit Blick auf die besonderen Bedürfnisse von Seeleuten entwickelt und kann kostenlos heruntergeladen, und jederzeit und überall genutzt werden. Die Software vermittelt eine Fülle praktischer Informationen und wurde kürzlich aktualisiert, sodass nun auch wichtige Ratschläge zu wichtigen Fragen des Wohlbefindens wie Stress und Depressionen sowie eine wertvolle Anlaufstelle für weitere Unterstützung durch die ITF geboten werden.

Aus einer vor kurzem von der ITF durchgeführten Umfrage geht hervor, dass Facebook das effektivste Mittel zur Kommunikation mit Seeleuten ist. Infolgedessen wird die Facebook-Seite des Programms für Gesundheit und Wohlbefinden genutzt, um Seeleute und andere Verkehrsbeschäftigte über Fragen des Wohlbefindens zu informieren, während die Mitglieder häufig den zugehörigen Facebook-Messenger nutzen, um die ITF zu kontaktieren und Unterstützung und Beratung für ihre spezifischen Bedürfnisse zu erbitten.

Die ITF-Koordinatorin für die maritimen Industrien Jacqueline Smith erklärte: "Die Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens ist seit langem eine zunehmende Sorge für die maritime Industrie. Psychische Gesundheitsprobleme von Seeleuten werden häufig ausgelöst durch schlechte Bedingungen und lange Arbeitszeiten sowie Geldsorgen und auch die Einsamkeit, die mit der langen Abwesenheit von Familie und Freunden verbunden ist. Ich unterstütze nachdrücklich die Aufforderung an die gesamte Verkehrsbranche, klare und verlässliche Leitlinien für psychische Gesundheit einzuführen und diese gegebenenfalls in bestehende Konzepte einzubeziehen."

Bildung ist entscheidend für die Bewältigung psychischer Gesundheitsprobleme. Prävention, Früherkennung und frühzeitiges Eingreifen führen häufig zu guten Ergebnissen. Aus diesem Grund macht es sich die ITF weiterhin zur Aufgabe, das Problem in den Blickpunkt zu rücken und Offiziersanwärter*innen und Auszubildenden Informationen und Ratschläge zu vermitteln. Im Laufe der Jahre hat die ITF ihr Expertenwissen genutzt, um Module zum Thema Wohlbefinden zu entwickeln, die Themen wie Stressbewältigung behandeln und in Schifffahrtsschulen auf der ganzen Welt gelehrt werden. In Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsorganisationen und ausgewählten Schifffahrtsakademien hat die ITF diese Module in Indien, den Philippinen, Sri Lanka, Bangladesch, Mexiko, Chile, Peru, Kolumbien, Panama, Thailand, Uruguay und der Ukraine eingeführt.

Darüber hinaus wird im Rahmen des ITF-Programms für Gesundheit und Wohlbefinden derzeit ein umfassendes Schulungsmodul zu Fragen der psychischen Gesundheit für gewerkschaftliche Ersthelfer*innen und Peer Educators als direkte Reaktion auf die mit der Pandemie verbundenen Stressfaktoren entwickelt. Das Modul wurde von indischen Gewerkschaften im Straßentransport und im maritimen Sektor einem Praxistest unterzogen und soll in den nächsten Wochen eingeführt werden. Gewerkschaftliche Bildungs- und Organisationsbeauftragte sowie Mitglieder von Jugend- und Frauenausschüssen im Verkehrssektor werden für diese Aufgaben geschult und werden sich als entscheidend erweisen, wenn es darum geht, die langfristigen psychischen und psychosozialen Probleme, die durch die derzeitigen Stressfaktoren verursacht werden, zu mildern.

Blick in eine bessere Zukunft

Die ITF ist der Ansicht, dass sich die Unterstützung für die psychische Gesundheit im gesamten Verkehrssektor zwar langsam verbessert, dass aber schnellere Veränderungen erforderlich sind, um weiteren Schaden von den Beschäftigten abzuwenden.

Gegenwärtig werden die Probleme im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit von den Akteuren individuell angegangen, was durchgreifende Maßnahmen verhindert. Um einen besseren Weg nach vorn zu finden, fordert die ITF einen dreistufigen Ansatz. Erstens sollen alle relevanten Interessengruppen, einschließlich Gewerkschaften, Arbeitgeber und Regierungsbehörden, zu einem gemeinsamen Verständnis der Probleme im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit gelangen. Zweitens sollen sie ihre gemeinsame Verantwortung wahrnehmen und eine Synergie zwischen den bestehenden Bemühungen der Beteiligten schaffen. Und drittens sollen sie gemeinsame Anstrengungen unternehmen, an denen alle Akteure beteiligt sind, um Programme und Initiativen zu entwickeln, die echte und dauerhafte Veränderungen bewirken.

Die ITF ist der Ansicht, dass sich dieser Ansatz vor dem Hintergrund entwickeln und an Dynamik gewinnen wird, dass alle beteiligten Akteure die psychische Gesundheit grundsätzlich als ein arbeitsplatzrelevantes Thema betrachten, das eng mit den Aufgaben und dem Umfeld des Verkehrssektors verbunden ist.