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Der Fall der Ever Green verdeutlicht die wichtige Rolle von Schleppdiensten, trotzdem spart die Branche weiter

07 Apr 2021
Photo: Suez Canal Authority

Die sechstägige Blockade des Suez-Kanals und die erfolgreiche Auflösung des dadurch bedingten Schiffs-Staus wirft ein neues Licht auf die wichtige Arbeit von Schleppdiensten. Aber wenn die Branche den derzeitigen “Wettlauf nach unten” nicht stoppt und die Sicherheitsbedenken der Beschäftigten nicht angegangen werden, könnte der Welt schneller, als wir denken, eine weitere Krise wie im Fall der Even Given drohen.

Seit einigen Jahren warnt die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) vor der Gefahr eines größeren Zwischenfalls auf dem Panamakanal aufgrund des massiven Abbaus von Arbeitskräften und exzessiven Überstunden des knappen Personals.

Die Situation in Panama ist ein Spiegelbild der weltweiten Situation in der Schleppschifffahrt.

In der Branche hat sich ein globaler Wettlauf nach unten entwickelt, der sich auch 2021 fortsetzt, indem hochprofitable Unternehmen Druck auf die Preise für wichtige Schleppaufträge in allen Teilen der Welt ausüben. Durch den Zwang, den gleichen (oder einen größeren) Arbeitsumfang mit geringeren Budgets zu bewältigen, führen entsprechende Vertragsabschlüsse zu Personalabbau und erhöhtem Druck auf die Belegschaft.

Unsere Mitgliedsorganisationen haben deutlich gemacht, dass diese Personalkürzungen die Arbeitslast erhöhen und weniger Beschäftigten mehr Aufgaben aufbürden. Gewerkschaften auf der ganzen Welt beobachten, dass an allen Ecken und Enden gespart wird, dass die Löhne vor Ort sinken, dass sich die Beschäftigungsbedingungen verschlechtern, dass die Verunsicherung unter ihren Mitgliedern zunimmt und dass die Unfall- und Verletzungsgefahr am Arbeitsplatz steigt, oft aufgrund von zunehmender Übermüdung.

Eine problematische Praxis, die diesen “Wettlauf nach unten” vorantreibt, besteht darin, dass große Reedereien wie Maersk, CMA CGM, Evergreen und COSCO ihre Verträge mit Schleppunternehmen bündeln. Die führenden Unternehmen verlangen bei solchen Verträgen unvertretbare Nachlässe, was es für Schlepperunternehmen unglaublich schwierig macht, eine korrekte Vergütung für die Dienstleistungen zu erhalten, die sie mit der für einen sicheren Betrieb notwendigen Besatzung erbringen.

Selbst wenn die Schleppbootbesatzungen direkt angestellt sind, wie z. B. bei der Panamakanal-Behörde, haben solche Vertragszwänge das allgemeine Klima derart geprägt, dass die Behördenleitung ihrer Abteilung für Schleppdienste ähnlich unhaltbare Kürzungen auferlegt.

Die Ausschüsse für Schleppschifffahrt der ETF und der ITF-Region Lateinamerika haben Unternehmen und Regierungen wiederholt vor den Gefahren dieses Abwärtswettlaufs gewarnt. Wir haben klargestellt, dass die Branche aufhören muss, bei der Wartung, zuverlässiger technischer Ausrüstung, der Flottenmodernisierung und der Ausbildung von Besatzungsmitgliedern zu sparen. Es ist auch an der Zeit, sichere Besatzungsstärken, angemessene Ruhezeiten und ein sicheres Niveau an Arbeitsbelastung zu gewährleisten.

Wir hoffen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Fall der Ever Given zuteilwurde, der Welt die wichtige Rolle dieser Schiffe und der Frauen und Männer, die sie bedienen, vor Augen führt.

Die hervorragende Leistung der Schleppdienste bei der Freigabe der Passage durch den Suezkanal für den Handelsverkehr zeugt von höchster Professionalität. Doch diese Operation hätte leicht fehlschlagen können, denn es erfordert ein hohes Maß an Können, ein großes Containerschiff wieder manövrierfähig zu machen. Ohne dieses Können hätte das Schiff in Schieflage geraten und Container verloren gehen können, was die Wiederherstellung der globalen Lieferketten noch mehr verzögert hätte.

Im Suezkanal stauten sich allein in den ersten beiden Tagen über 450 Schiffe, die jeweils Hilfsschiffe benötigten. Es wird zu oft vergessen, dass Schiffe ohne Schleppdienste nicht durch Schleusen und Kanäle fahren und ohne Hilfe auch nicht in einem Seehafen anlegen können. Sie sind auch unerlässlich für Bergungsmaßnahmen, Brandbekämpfung, Rettungen und sogar für Wettervorhersagen. Sie sind eine tragende Säule der globalen Schifffahrt, und diese Säule steht unter großem Druck.

Wir fordern die Spitzen der Schifffahrts-, Logistik- und Güterverkehrsbranchen auf, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der derzeitige Kurs der Schleppindustrie nicht nachhaltig ist. Die Beschäftigten haben sich zu Wort gemeldet und der Branche erklärt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass gefährliche Beschäftigungsbedingungen eine Katastrophe verursachen.

Diese Situation erfordert die volle Aufmerksamkeit der Schifffahrtsgemeinschaft und der Regierungen, bevor eine weitere wichtige Wasserstraße von einer Katastrophe wie der, die letzte Woche den Suezkanal heimsuchte, betroffen ist. Das Risiko steigt mit jeder Budget- und Vertragskürzung.

Hört den Appell der Beschäftigten, die an vorderster Front im Einsatz sind und dieses Desaster kommen sahen. Wir wissen, dass hohe Normen und nicht ein Wettlauf nach unten erforderlich sind, um den sicheren und stabilen Betrieb der globalen Schleppindustrie und letztlich der globalen Lieferkette zu gewährleisten.

Die Welt hat die Chance, aus dem Fall der Ever Given Lehren über die Bedeutung von Schleppdiensten zu ziehen und die Säule der Schifffahrtswirtschaft wiederaufzubauen, um die globale wirtschaftliche Erholung von der Covid-19-Pandemie voranzutreiben. Lasst uns diese Gelegenheit nicht verpassen, diese Branche wieder auf in sichere, stabile Gewässer zu führen.

 

Jacques KERKHOF, Vorsitzender des ETF-Ausschusses für Schleppschifffahrt                                               

Ivan De La Guardia, ITF-Ausschuss für Schleppschifffahrt Lateinamerika