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Überfüllte Häfen in Australien: Seeleute legen zwei weitere Schiffe nach Vertragsüberziehung still

10 Aug 2020
Presseerklärung

Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) geht davon aus, dass Australien infolge der sich rapide zuspitzenden Crewwechsel-Krise an seinen Küsten auf ein wirtschaftliches Desaster zusteuert. Heute haben die Besatzungen von zwei weiteren Schiffen in Westaustralien und Victoria erklärt, nicht weiterfahren zu wollen, und ihre Heimschaffung verlangt.

Die Conti Stockholm und die Ben Rinnes sind nur die letzten in einer Reihe von lahmgelegten Schiffen, die Liegeplätze blockieren, nachdem die mit Aluminium beladene Unison Jasper bereits in der letzten Woche in Newcastle (Bundesstaat New South Wales) festgehalten wurde.

Im Hafen von Fremantle (Perth) wurde heute das Containerschiff Conti Stockholm gestoppt. Das unter liberianischer Flagge fahrende Schiff gehört zur Flotte der deutschen NSB-Gruppe.

Die im Hafen von Fremantle stillliegende MV Conti Stockholm (Quelle: ITF)

Das Schiff sitzt nun fest und fährt vorerst nirgendwo hin, bis eine Crew zur Ablösung eingetroffen ist. Die aus Rumänien, China, Sri Lanka, den Philippinen und Polen stammenden Besatzungsmitglieder weigern sich, weiterzufahren, und verlangen nach mehreren Monaten auf See ihre Heimschaffung. Diese Seeleute haben ihre Verträge überzogen und nach dem Seearbeitsübereinkommen das Recht, nach Vertragsende die Arbeit einzustellen und auf Kosten des Arbeitgebers in ihre Heimatländer zurückgeführt zu werden. 

Senator Glenn Sterle im Gespräch mit dem Kapitän der MV Conti Stockholm (Quelle: ITF)

Senator Glen Sterle, ein Abgeordneter der Labor-Opposition im australischen Bundesparlament, ging an Bord der Conti Stockholm. Er unterstützt die Forderung der ITF an die australische Regierung, gemeinsam mit Gewerkschaften und Branchenunternehmen koordinierte Maßnahmen zur Entschärfung der Crewwechsel-Krise zu ergreifen.

Die Crew der MV Conti Stockholm fordert ihre Rechte nach dem Seearbeitsübereinkommen ein (Quelle: ITF)

Nach Ansicht der ITF hat das Versagen der Regierungen, ein effektives System zur Durchführung von Besatzungswechseln einzuführen, dazu geführt, dass immer mehr Seeleute ihre Verträge überziehen müssen und nun ihre Rückkehr nach Hause in die eigenen Hände nehmen.

Das zweite Schiff, das heute gestoppt wurde, ist die unter der Flagge der Marshallinseln fahrende Ben Rinnes, die für die Beförderung von Sojaprodukten für den Agrarkonzern Cargill gechartert wurde. Der einer griechischen Reederei gehörende Massengutfrachter wurde im Hafen von Geelong im Bundesstaat Victoria festgehalten, nachdem zunächst vier, dann fünf Besatzungsmitglieder der ITF mitgeteilt hatten, dass sie nach Ablauf ihrer Verträge heimgeschafft werden wollen.

Außer einem Seemann, der innerhalb der nächsten 30 Tage die Elfmonatsfrist erreichen wird, hat die gesamte Crew der Ben Rinnes, die nun von Bord gehen will, die gesetzlich zulässige maximale Dienstzeit überschritten.

Ein Besatzungsmitglied ist bereits seit über 17 Monaten an Bord. Die Crew teilte der ITF mit, sie habe nach ihrer neunmonatigen Fahrt auf das Versprechen des Reeders, sie heimzuschaffen, Vertragsverlängerungen für weitere fünf Monate unterzeichnet. Bis heute hat das Unternehmen keinen Plan für ihre Rückführung vorgelegt.

Der ITF-Koordinator für Australien Dean Summers sagte, dass die ITF und die ihr angeschlossene Maritime Union of Australia (MUA) nun auf den Hilferuf der Seeleute reagieren, die ihr Menschenrecht auf Beendigung der Arbeit nach Ablauf ihrer Verträge geltend machen.

"Die Besatzungen dieser beiden Schiffe sind mutig aufgestanden und haben erklärt, dass sie die Häfen nicht für eine weitere Dienstzeit auf diesen 'schwimmenden Gefängnissen' verlassen werden. Die Verträge, die sie unterzeichnet haben, sind abgelaufen, und sie gehen jetzt von Bord. Es ist nicht ihre Schuld, dass der Schifffahrtssektor Regierungen wie der Australiens so gleichgültig ist, dass sie die letzten fünf Monate der Pandemie nicht genutzt haben, um einen Weg zu finden, internationale Seeleute zu und von unseren Häfen zu befördern," so Summers.

"Um es klar und deutlich zu sagen: Diese übermüdeten und erschöpften Seeleute nehmen einfach nur ihr Recht wahr, von Bord dieser Schiffe zu gehen, weil Regierungen wie die australische nichts tun,, um die mit der Crewwechsel-Krise verbundenen Probleme anzugehen."

"Wenn Australien weiter vom Welthandel profitieren, Waren ins Ausland exportieren und lebensnotwendige Güter importieren will, kann das Land die Seeleute, die diese Güter befördern, nicht wie Sklaven behandeln."

"Diese drei Schiffe sind nur der Gipfel des Eisbergs. Angesichts der Tatsache, dass der internationale Besatzungswechsel seit fünf Monaten faktisch blockiert ist, ist davon auszugehen, dass immer mehr Crews beschließen, Anker zu werfen und in Australien von Bord zu gehen. Für die australischen Mineralien- und Agrarexporte und die Einfuhrströme wird das gravierende Folgen haben. Dies ist eine wirtschaftliche und humanitäre Notlage."

"Die Crewwechsel-Krise wächst, aber auch der Mut der Seeleute, sich zur Wehr zu setzen. Sie werden sagen, dass sie von Bord gehen, ganz gleich ob die Bürokraten und Politiker nun ihren Scheiß geregelt kriegen oder nicht," schloss Summers.