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ITF-Erklärung zum Tod von Essenskurieren

01 Dec 2020

"Die ITF und die ihr angeschlossenen Gewerkschaften sind erschüttert über die tragische Nachricht, dass in den letzten Wochen auf den Straßen von Sydney (Australien) fünf Fahrer bei Essenslieferdiensten ums Leben kamen. Den Familien von Bijoy Paul, Chow Khai Shien, Xiaojun Chen, Dede Fredy und Ik Wong, der jungen Menschen, die bei der Arbeit tödlich verunglückten, gilt unser tief empfundenes Mitgefühl. Wir gedenken auch all der Beschäftigten, deren Todesfälle nicht in Statistiken erfasst wurden. Die wahre globale Zahl der während der Arbeit getöteten Beschäftigten wird man möglicherweise niemals kennen: tödliche Unfälle von Kurieren werden in der Regel nicht als Todesfälle am Arbeitsplatz registriert, und Beschäftigte aus ausländischen Bevölkerungsgruppen scheuen sich möglicherweise, Unfälle zu melden.

Behörden in Neusüdwales kündigten die Einrichtung einer Arbeitsgruppe an, um nach den Todesfällen die Sicherheitsvorschriften für Fahrer*innen von Essenslieferdiensten zu untersuchen. Dieser Schritt ist zwar zu begrüßen, muss aber von nationalen und internationalen Maßnahmen begleitet werden, um den inhärent ausbeuterischen und weitgehend unregulierten Charakter der Gig-Arbeit anzugehen.

Essenslieferdienste verbreiten den Mythos der flexiblen Arbeit, aber für die Arbeitnehmer könnte dies nicht weiter von der Realität entfernt sein. Flexible Arbeit bedeutet nicht, fristlos und ohne Möglichkeit zum Widerspruch über eine App entlassen zu werden, wie es Tausende von Beschäftigten während der Covid-19-Pamdemie erlebt haben. Viele Beschäftigte in der Gig Economy müssen mehr als 60 Stunden pro Woche arbeiten, nur um ihre Rechnungen zu bezahlen, und bestreiten ihre Einnahmen vollständig aus Gig-Arbeit. Flexibel ist nicht, dass Beschäftigte ihre Familien nicht ernähren können oder mit hoher Geschwindigkeit fahren müssen, um gefährliche Zielvorgaben zu erfüllen. Falsch eingestufte Gig-Arbeiter sind die Verlierer eines einseitigen Geschäftsmodells, das für einige wenige Gewinne abwirft und gleichzeitig den Beschäftigten die Schutzleistungen vorenthält, die Angestellten normalerweise gewährt werden. Dazu gehören Krankheitsurlaub, Versicherung, Urlaubsgeld sowie Fortbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Gig-Arbeit verstärkt zudem bereits bestehende Ungleichheiten, wovon junge Menschen, Frauen, ethnische Minderheiten und Menschen mit Migrationshintergrund überproportional betroffen sind.

Viel zu lange schon konnten Unternehmen der Gig Economy in einem rechtlichen Vakuum operieren, in dem Profite wichtiger sind als Menschenleben. Es ist an der Zeit, dass Australien und andere Länder eine Kehrtwende bei arbeitnehmerfeindlichen Geschäftspraktiken vollziehen und dafür sorgen, dass Essenslieferdienste ihren Beschäftigten die ihnen zustehenden Rechte gewähren. Die ITF ist ermutigt angesichts der wachsenden Zahl von Gesetzen zum Schutz der Beschäftigten und hat selbst zehn Grundsätze für Arbeitgeber in der Gig Economy aufgestellt, um Maßnahmen in den Bereichen Fehleinstufung, existenzsichernde Löhne, Sicherheit, algorithmische Verwaltung und Datensicherheit zu fordern. Die ITF appelliert mit Nachdruck an Gig-Economy-Unternehmen, diese Grundsätze umzusetzen, um weitere unnötige Todesfälle auf der Straße zu verhindern."


Stephen Cotton, ITF-Generalsekretär