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FEATURE: Unmenschliche Situation für zurückgelassene Crews der Reederei Palmali – Die Türkei könnte sie daraus befreien

22 Feb 2021
Noch immer sitzen mehr als 50 Seeleute auf Schiffen fest, die einem türkischen Milliardär gehörten. Da er inzwischen eine Haftstrafe absitzt und sein Unternehmen in Konkurs ging, sind seine Crews seit zehn Monaten ohne Nahrung und Treibstoff an Bord gefangen. Aber die Türkei hat es in der Hand, sie zu retten.

Die humanitären Bemühungen zur Versorgung, Heimschaffung und Eintreibung ausstehender Heuern von Seeleuten werden von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) und ihren Inspektor*innen angeführt.

Diese Woche wurden vier Seeleute auf einem Schiff der Reederei Palmali von Mübariz Mansimov Gurbanoğlu, der Captain Nagdaliyev (IMO 9575307), von den libanesischen Behörden befreit, nachdem die Besatzung in einen Hungerstreik getreten war, um ihre Heimschaffung zu erreichen. Der Tanker, dessen Besatzung schon vor mehr als zehn Monaten ohne Nahrung, Treibstoff und Heuern zurückgelassen worden war. wurde am 12. Mai 2020 im Hafen von Beirut festgesetzt.

Der Koordinator des ITF-Netzwerks für die arabische Welt und den Iran Mohamed Arrachedi erklärte, dass die Fälle von zurückgelassenen Schiffen der Palmali-Flotte zu den schlimmsten gehörten, die er erlebt hat. In Zusammenarbeit mit dem maltesischen ITF-Inspektor Paul Falzon und der in Italien ansässigen Inspektorin Livia Martini hat das ITF-Inspektorat lebenswichtige Vorräte für die Besatzung an Bord der ehemaligen Palmali-Schiffe organisiert, um das Überleben der Seeleute zu sichern.

Türkei verwehrt hungernden Seeleuten monatelang die Freiheit
In Istanbul wurden sechs von Palmali bereederte Schiffe im Hafen zurückgelassen, als das Unternehmen in Konkurs ging. Die Besatzungen waren mehr als neun Monate lang auf den Schiffen gefangen, da die türkischen Behörden ihnen keine Genehmigung erteilten, die Schiffe zu verlassen.

“Es ist grauenvoll,” sagte der Koordinator des ITF-Inspektorats Steve Trowsdale, dessen Team sich unermüdlich für die Heimschaffung der Seeleute einsetzt. “Diese Menschen sind absolut verzweifelt. Lebensmittel und Trinkwasser werden knapp. Einige Schiffe hatten so wenig Treibstoff, dass die Besatzungsmitglieder ohne Beleuchtung im Dunkeln leben mussten.”

Die Lerik (IMO 9575319) ist eines der Schiffe, die im Mai letzten Jahres in Istanbul zurückgelassen wurden. Die zehnköpfige Besatzung hatte seit ihrer Anmusterung im Jahr 2019, also fast zwei Jahre lang, keine Heuern erhalten. Anfang 2020 hatte die Crew der Lerik eine Zeit lang keine Lebensmittelvorräte mehr und musste während dieses Martyriums zeitweise ohne Strom und Licht auskommen.

Die Inhaftierung von Gurbanoğlu verkomplizierte die Situation zusätzlich, ebenso wie Änderungen bei der P&I-Versicherung für die Schiffe.

Der Milliardär wird von den türkischen Behörden angeklagt, mit den Anführern eines gescheiterten Staatsstreichs von 2016 gegen das Regime von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gemeinsame Sache gemacht zu haben.

“Das Problem des Unterhalts der Besatzung wurde dadurch verschärft, dass die Versicherungszuständigkeit während des Jahres 2020 dreimal wechselte, wobei jede Versicherung die Verantwortung auf die andere abwälzte, und wenn eine P&I doch einmal intervenierte, lehnte sie die Zuständigkeit für den Unterhalt der Besatzung ab,” so Trowsdale.

Wenn die Versicherer und Flaggenstaaten ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, fällt es oft den Hafenstaaten zu - wo die Schiffe vor Anker liegen - tätig zu werden.

“Ja, es sind beträchtliche Kosten damit verbunden", sagte Trowsdale im Hinblick auf die Verantwortung der Türkei, die Besatzungen aus ihrer Lage zu befreien und in ihre Heimatländer zurückzuführen. “Die Schiffe müssen in diesen Häfen aufgetankt und gewartet werden. Es müssen Wachleute gefunden werden. Die türkischen Behörden sind vielleicht nicht gewillt, für die Instandhaltung von Schiffen zu zahlen, die jemandem gehören, den sie als ‘Verräter’ ansehen: Aber das Wohl der Seeleute muss über der Politik stehen.”

“Regierungen haben die rechtliche und moralische Pflicht, das Leben und die Gesundheit derjenigen zu schützen, die sich an Bord von Schiffen befinden, die Angehörigen ihres Staates gehören, unter ihrer Flagge fahren oder in ihren Häfen anlegen. Das ist der Preis dafür, ein internationales Schifffahrtssystem zu haben. Sie können sich nicht einfach aussuchen, wann sie die Rechte der Seeleute respektieren und wann nicht,” so Trowsdale.

Der mit dem Fall befasste ITF-Inspektor Paul Falzon sagte, dass neun Monate des Ausharrens auf den Schiffen ihren Tribut von den Seeleuten forderten.

“Sie sind auf diesen Schiffen gefangen. Ihre körperliche und seelische Gesundheit leiden. Sie haben ein Recht auf ihre Freiheit. Die türkischen Behörden verweigern ihnen ihre Freiheit – so kann das nicht weitergehen,” kritisiert Falzon.

Mehr Humanität in Italien
Während die türkischen Behörden sich weigerten, die Besatzungen in ihren Häfen mit Lebensmitteln und Treibstoff zu versorgen und ihre Heimschaffung zu unterstützen, wurden die Seeleute auf den in italienischen Häfen gestrandeten Schiffen der Palmali-Reederei wesentlich besser behandelt.

Zum Beispiel wurde die Gobustan (IMO 9575321) nach dem Zusammenbruch von Palmali in Ravenna aufgegeben. Ab Juli 2020 saß die Besatzung dort vier Monate lang fest.>

Die ITF verhandelte mit dem Hafen, den Versicherern und anderen beteiligten Stellen, und die 13-köpfige Besatzung konnte Ende September nach Hause reisen. Die Besatzung der Gobustan erteilte den Anwälten der ITF die Vollmacht, für die Heuerschulden aus dem eventuellen Verkauf des Schiffes einzuklagen. Der Kampf um die Heuern dauert noch an. Die ITF geht jedoch davon aus, dass die Seeleute zu gegebener Zeit zumindest einen Teil ihrer ausstehenden Heuern erhalten werden, so Trowsdale.

“Inzwischen sind sie wieder zu Hause und können ihr Leben weiterführen. Das wollen wir für alle Seeleute erreichen, die vom Konkurs von Palmali betroffen sind, und zwar vom ersten Tag an. Sie haben ein Recht auf ihre Freiheit,” erklärt Trowsdale.

Zwölf Seeleute befinden sich noch auf den im Hafen von Oristano aufgegebenen Schiffen, davon neun Seeleute auf der Khosrov Bey und drei auf der General Shikhlinsky. Sie werden weiterhin von ITF-Inspektorin Livia Martini unterstützt.

3,2 Millionen US-Dollar Heuerschulden
Palmali schuldet den Besatzungsmitgliedern, die auf den Schiffen festsitzen und denen, die inzwischen wieder nach Hause zurückgekehrt sind, insgesamt noch über drei Millionen US-Dollar Heuern.

Das Geld ist für die Seeleute und ihre Familien in der Covid-Ära, wo in ihren Heimatländern Rezessionen wüten und die Familien in Ermangelung des Einkommens des Hauptverdieners oftmals Schulden angehäuft haben, lebenswichtig.

Insgesamt werden den Seeleuten, die einst auf 12 Schiffen von Palmali beschäftigt waren, noch über 3,2 Millionen US-Dollar geschuldet.

Auf der Grundlage von Daten der ITF und der Internationalen Arbeitsorganisation hat Bloomberg die folgende Tabelle erstellt:

Zurückgelassene Schiffe und Besatzungen von Palmali
Palmali schuldet Seeleuten auf 12 Schiffen mehr als 3,2 Millionen USD Heuern
                              Hafen     Land    Heuerschulden in USD    Anzahl Seeleute

Quelle: ITF, aktuelle IMO-Berichte
*Die Agdash wurde nach ihrer Zurücklassung im November an einen neuen Eigner verkauft, und die Heuerschulden wurden inzwischen beglichen.
*Die Crew der Captain
Nagdaliyev wird den Libanon voraussichtlich am 17. Februar verlassen.

Von Beirut nach Baku: Die Besatzung der Captain Nagdaliyev kehrt nach einem Hungerstreik nach Hause zurück
Während in der Türkei und Italien Seeleute weiterhin auf Schiffen festsitzen, wurde die Besatzung der Captain Nagdaliyev diese Woche von den libanesischen Behörden aus ihrer Gefangenschaft erlöst.

In einem Gespräch mit der Medienagentur Bloomberg, die untersucht hat, wie der Zusammenbruch von Palmali die von der Reederei im Stich gelassenen Seeleute in Mitleidenschaft zieht, berichtete Mohamed Arrachedi über die Erfahrungen der Besatzung der Captain Nagdaliyev: “Sie hatten dreimal kein Essen und kein Wasser mehr, und kein Land und keine Behörde schert sich einen Deut darum”.

Vier Seeleute an Bord des Tankers nahmen die Sache in die eigene Hand und kündigten mit einer E-Mail an die Regierungsbehörden mit Kopie an die ITF ihren Hungerstreik an:

“Aufgrund der Tatsache, dass meine Familie zu Hause bereits große Probleme hat und meine Mutter an Krebs erkrankt ist, erkläre ich voller Entschlossenheit, dass ich ab heute in den Hungerstreik treten werde, da die örtlichen Behörden mich nicht nach Hause zurückkehren lassen! Ich kann diese unmenschliche Haltung nicht länger hinnehmen und erkläre, dass ich für mein Handeln nicht mehr verantwortlich bin, da niemand etwas gegen meine verzweifelte Situation und meinen psychischen Zustand tun kann!!!! All meine Appelle in den letzten sechs Monaten blieben ungehört und die lokalen Behörden ergreifen resolute Maßnahmen. Aus Verzweiflung werde ich heute vom Schiff auf das Kai gehen und dort bleiben, bis die Frage meiner Heimschaffung geklärt ist!” – Samig Nabiyev, aserbaidschanischer Kapitän der Captain Nagdaliyev

Während einem Teil der Besatzung die Genehmigung zur Rückkehr in ihre Heimatländer erteilt wurde, haben die libanesischen Behörden Kapitän Nabiyev und drei weiteren Seeleuten beständig das ihnen zustehende Recht auf Ausschiffung verwehrt. Bis diese Woche.

Nach zehn Monaten an Bord der Captain Nagdaliyev ist die Besatzung diese Woche endlich nach Hause zurückgekehrt.

Am Dienstagabend waren Kapitän Nabiyev und drei weitere Seeleute von ihrem schwimmenden Gefängnis erlöst und warteten am Flughafen von Beirut geduldig auf ihren Heimflug.

In einer E-Mail an die ITF bedankte sich Nabiyev für die Unterstützung der Föderation, die ihm und seinen Besatzungsmitgliedern die Heimkehr ermöglichte:

Sehr geehrter Herr Mohamed Arrachedi und alle Vertreter der ITF-Organisation!

Erlauben Sie mir, persönlich und im Namen aller Besatzungsmitglieder des Tankers “Captain Nagdaliyev”, der am 12. Mai 2020 im Hafen von Beirut festgesetzt und vom Schiffseigner im Stich gelassen wurde, Ihnen meine tiefe Dankbarkeit für Ihren unglaublichen Einsatz bei der Organisation unserer Heimschaffung auszusprechen! Dank Ihrer Hilfe können wir heute endlich den Libanon verlassen und zu unseren Familien zurückkehren! Während zehn langer Monate haben Sie sich mit großem Engagement um uns und unsere Aufenthaltsbedingungen im Hafen von Beirut gekümmert.

Es ist schwer vorstellbar, wie wir diese ganze schwierige Zeit überlebt hätten, ohne dass Sie uns geholfen hättet, indem Sie unsere Versorgung mit Lebensmitteln, Frischwasser und Treibstoff für unser Schiff organisiert und finanziert und einen Anwalt für unseren Fall gefunden und gewonnen haben, der uns jetzt freundlicherweise bei der Eintreibung unserer Heuern unterstützt! Wir mussten die ITF noch nie um Hilfe bitten und wussten daher nur aus Veröffentlichungen im Internet und in den Medien, dass Sie sich für Seeleute in aller Welt einsetzen.

Heute möchten wir Ihnen unser unendliche und tiefe Dankbarkeit für die Hilfe aussprechen, die Sie uns die ganze Zeit über geleistet haben und die wir nun selbst unmittelbar erfahren haben! Es wärmt die Seele zu wissen, dass es Menschen wie Sie gibt, die in schwierigen Zeiten niemals aufgeben oder ihre Ideale verraten und die bis zum Letzten gehen, um die Rechte der Seeleute zu verteidigen!!!

Lassen Sie uns Ihnen dafür noch einmal unseren herzlichen Dank aussprechen!!!

Wir wünschen Ihrer Organisation von ganzem Herzen Erfolg! Sie sind die Einzigen, die immer zur Rettung kommen, wenn Seeleute keine Hoffnung mehr haben! Ihre großartige und wertvolle Arbeit soll gesegnet sein!

“Wir wünschen ihm alles Gute,” sagte Arrachedi.

“Diese Seeleute sind durch die Hölle gegangen. Regierungen und die Schifffahrtsbranche müssen endlich einsehen, dass so das Schicksal im Stich gelassener Menschen aussieht.”

“Sie müssen mehr tun, um solche Fälle zu verhindern. Sie müssen Versicherungspflichten für Schiffseigner durchsetzen. Sie müssen Seeleute schützen, nicht einsperren, wenn sie in ihre Häfen zurückgelassen werden.”

“Die Fälle von Zurücklassung nehmen zu. Das Leiden auf See hat einen Gipfelpunkt erreicht,” so Arrachedi.

Während die vier verbliebenen Besatzungsmitglieder der Captain Nagdaliev heimfliegen können, sitzen die in Istanbul gestrandeten Seeleute weiter auf ihren Schiffen fest. “Ist dies der neue Trend - dass Seeleute erst in den Hungerstreik treten müssen, um nach Hause zu können?” fragt Arrachedi.

Warum geschieht das? Das “Darknet” der globalen Schifffahrt, wo niemand für die Besatzungen verantwortlich ist
ITF-Präsident Paddy Crumlin vergleicht die globale Schifffahrtswirtschaft mit dem “Darknet” des Internets. Die Akteure sind anonym. Die Übernahme von Verantwortung ist gering. Wer für die Besatzungsmitglieder zuständig ist, wird häufig vorsätzlich verschleiert.

Die frustrierende Realität dieses “Darknet” wird bloßgelegt, wenn Reedereien pleitegehen und Seeleute mit leeren Händen dastehen.

Kern des Problems ist das Billigflaggensystem.

So sind zum Beispiel die Schiffe von Palmali in Malta registriert, obwohl das Unternehmen seinen Hauptsitz in der Türkei hat. Das bedeutet, dass die Vorschriften von einem Land (Malta) mit begrenzter Entscheidungsgewalt über die Schiffe erlassen und kontrolliert werden.

Malta ist laut dem Koordinator des ITF-Inspektorats Steve Trowsdale eigentlich einer der verantwortungsvolleren Billigflaggenstaaten. Aber die Anzahl der dort registrierten Schiffe steht in keinem Verhältnis zur Größe des Landes. Und Maltas Ressourcen zur Kontrolle über das Wohlbefinden der Besatzungen sind begrenzt.

Das Seearbeitsübereinkommen enthält Bestimmungen, die sicherstellen, dass die Besatzungen bezahlt werden und nach Hause zurückkehren können, auch wenn die Reederei in Schwierigkeiten gerät. (Die Türkei ist leider kein Vertragsstaat). Aber das wirkliche Leben ist zu kompliziert und skrupellose Schiffseigner können das System zu ihren Gunsten ausnutzen. Selbst rechtmäßige Eigner operieren auf eine Art und Weise, die zu komplex ist, als dass die Menschen schnell zu Rechtsmitteln greifen könnten.

So befindet sich beispielsweise die Lerik (IMO 9575319) im wirtschaftlichen Eigentum eines türkischen Unternehmens, ist aber über Tochtergesellschaften in Malta registriert. Das Schiff ist in Russland versichert. Die Gläubiger sind in London und Moskau vor Gericht gegangen, um ihre Forderungen gegen Palmali einzuklagen. Das Schiff liegt im Hafen von Istanbul vor Anker. Der Eigner sitzt hinter Gittern.

“Es ist zu einfach für diese unterschiedlichen Parteien, den Schwarzen Peter weiterzureichen und zu behaupten, dass andere in dieser komplexen Kette dafür zuständig sind, Maßnahmen zu ergreifen,” kritisiert Trowsdale.

In der Praxis hat dieses gegenseitige Zuschieben von Verantwortlichkeiten zur Folge, dass Besatzungen monate- oder sogar jahrelang auf zurückgelassenen Schiffen gefangen sind, während das Gezerre weitergeht.

Wenn wir die Billigflaggen abschaffen würden - etwas, wofür die ITF seit vielen Jahren eintritt -, dann würde die Flotte eines Landes im Verhältnis zu seiner Handelskapazität stehen, und so könnte es die Kosten für eine angemessene Regulierung tragen, meint Trowsdale So könnte zum Beispiel auch die Qualität der Versicherungen, die Schiffseigner abschließen, überprüft werden, sagt er.

Das würde schnelle Auszahlungen ermöglichen, wenn Schiffe zurückgelassen werden, und sicherstellen, dass die Seeleute bezahlt werden und schnell in ihre Heimatländer zurückkehren können. Der Fall Palmali hat gezeigt, dass die Seeleute ihrer Freiheit und ihrer Heuern beraubt weiterhin sich selbst überlassen werden.”