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Seeleute vor der Küste Großbritanniens im Hungerstreik für ihre Heimschaffung

26 Jun 2020
Die ITF unterstützt gestrandete Seeleute in den Häfen von Tilbury und Bristol (Großbritannien)

Seit vier Monaten ohne Heuern und seit 48 Stunden ohne Lebensmittel – 47 vor der Küste Großbritanniens gestrandete Seeleute kämpfen verzweifelt für die Rückkehr zu ihren Familien.

Die überwiegend aus Indien stammenden Besatzungsmitglieder befinden sich auf dem Passagierschiff Astoria. Sie sind in den Hungerstreik getreten, um nach wochenlangen vergeblichen Appellen an ihren Arbeitgeber die Auszahlung ausstehender Heuern und ihre Heimschaffung für Mitte Juni zu erzwingen.

Mit dem Beginn des Hungerstreiks kamen die Dinge schnell in Bewegung. Der Vorstandsvorsitzende der Kreuzfahrtgesellschaft Cruise and Maritime Voyages (CMV), die die Astoria bereedert, versprach der Besatzung, ihre Forderungen zu erfüllen.

Anschließend kam die britische Hafenstaatkontrolle an Bord und arrestierte das Schiff wegen des Verdachts von Verstößen gegen das Seearbeitsübereinkommen. Auch die Maritime Coastguard Agency besuchte das Schiff und arrestierte neben der Astoria noch vier weitere Schiffe von CMV in London Tilbury und Bristol Avonmouth. Die Behörden wurden informiert und schritten zur Tat, bevor die Reederei die Astoria in ihren Heimathafen in Portugal überführen konnte, wo die Aussichten auf eine Heimschaffung der Seeleute gering wären.

Die 47 streikenden Besatzungsmitglieder gehören zu den über 200.000 Seeleuten, die in der Covid-19-Pandemie weltweit auf ihren Schiffen festsitzen und nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können. Die Gruppe der in den Häfen Tilbury und Bristol auf den Schiffen Astor, Astoria, Columbus, Magellan, Vasco da Gama und Marco Polo gestrandeten Besatzungsmitglieder umfasst insgesamt 1.449 Seeleute. Unter ihnen sind Staatsangehörige aus Indonesien, Indien, Myanmar und Mauritius.

Astoria_CMV

Die ausweglose Situation der Seeleute, aufgrund der Crewwechsel-Krise nicht ausschiffen und in ihre Heimatländer zurückkehren zu können, wird noch verschlimmert dadurch, dass CMV ihnen keine Heuern auszahlt und ihnen dafür auch keine Gründe nennt.

Arjuna [Name geändert], einer der am Hungerstreik teilnehmenden Seeleute, berichtete, dass die Auszahlung der Heuern sofort mit dem Beginn der Pandemie eingestellt worden sei. CMV habe Anfang März seine Weltreise abbrechen müssen, als sich die Schiffe in Indonesien befanden. Zu dieser Zeit sei auch die Auszahlung des Familiengelds, des Anteils der Heuern, der den Familien überwiesen wird, abgebrochen worden.

Arjunas Frau lebt in Indien. Sie ist Diplomingenieurin, derzeit aber arbeitslos. Sie lebt bei seiner Mutter, die ein wenig Geld als Hausgehilfin verdient. Sie fragen sich, wann er nach Hause kommen wird.

Wie viele Seeleute ist Arjuna der Ernährer der Familie. Das ist er schon seit frühester Jugend, da sein Vater starb, als er vier Jahre alt war. Um seine Familie zu unterstützen, absolvierte Arjuna eine Ausbildung und arbeitete in Hotels, bevor er im Jahr 2007 zur See ging.

"Ich mache mir Sorgen um meine Familie," sagt er, "Ich befürchte, wenn ich nach Hause komme, keine Arbeit zu finden. Wenn das Unternehmen mir aber alle ausstehenden Heuern auszahlt, haben wir genug, um fünf oder sechs Monate auszukommen."

Arjuna sagt, dass viele seiner Kolleg*innen noch schlechter dran sind als er. "Manche müssen hohe Kredite abzahlen, manche können die Medikamente für ihre Familien nicht bezahlen," berichtet er.

Wer sind diese Besatzungsmitglieder, von denen dieser Bericht handelt? Was sind ihre Sorgen, und seit wann kämpfen sie um ihre Rechte?

Aus den an die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) weitergeleiteten Schreiben geht hervor, wie ihre Verzweiflung wuchs, während ihre Bitten von der Reederei ignoriert wurden. Anfang Juni schrieb eines der Besatzungsmitglieder: "Wir brauchen dringend finanzielle Unterstützung... Wir machen uns große Sorgen um unsere Familien, die hauptsächlich von uns abhängen, um Darlehensschulden, die Ausbildung unserer Kinder und medizinische Behandlungskosten zu bezahlen."

In diesem Schriftwechsel lieferte die Kreuzfahrtgesellschaft keinerlei Erklärung dafür, warum die Heuern nicht mehr ausgezahlt wurden, was Anlass zur Befürchtung gab, dass sich das Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten befinden könnte. Aus Medienberichten erfuhr die Besatzung der Astoria, dass die Barclays Bank in der letzten Woche den Antrag des Schiffsbetreibers CMV auf Gewährung eines Darlehens in Höhe von 25 Millionen Pfund abgelehnt hatte. Arjuna vermutet, dass das Unternehmen die Heuern braucht, um sich über Wasser zu halten.

Ein Crewmitglied schrieb von Bord des Schiffes: "Die Verträge der meisten von uns sind abgelaufen, und unsere Heuern werden zurückgehalten. Aus welchem Grund ... wieso? Alles was wir von ihnen hören, ist: Wir tun, was wir können," so seine Nachricht. "Wir sind beunruhigt, weil das schon mehr als 90 Tage so geht. Warum dauert das so lange? Wir haben keine Ahnung, ob das Unternehmen wirklich versucht, uns heimzuschaffen."

Die drängenden Sorgen der Seeleute haben nicht nur damit zu tun, dass sie zu ihren Familien zurückkehren müssen, keine Heuern erhalten und ihnen nichts mitgeteilt wird. Die Ausweglosigkeit der Situation wirkt sich auch auf ihr physisches und psychisches Befinden aus. Der Erste Koch, ein Mann in den Vierzigern, starb an einem Herzinfarkt. Einigen Besatzungsmitgliedern sind an Bord die Medikamente ausgegangen. Ein weiterer Seemann hat sogar versucht, sich das Leben zu nehmen. Seine Schiffskamerad*innen befürchten noch weitere Suizidversuche.

Während ihres verzweifelten Wartens auf Antworten und zunehmend beunruhigt richtete die Besatzung der Astoria Gmail- und Twitter-Accounts ein und postete ein Video bei Youtube. Über Twitter wandten sie sich direkt an die Premierminister Indiens und Großbritanniens: "Hört uns an.... Wir brauchen Hilfe, bevor es an Bord noch mehr Tote gibt. Rettet unsere Leben. Helft uns, gesund zu unseren Familien zurückzukehren," schrieben sie.

Über die digitalen Medien verbreitete sich ihr Hilferuf schnell. Die britische Tageszeitung The Guardian und die TV-Sender BBC und Sky berichteten umgehend über den laufenden Hungerstreik. Welche Geschichte hatten diese mittellos festsitzenden Seeleute zu erzählen? Und wie würde CMV die Situation lösen?

Öffentlich versicherte die Unternehmensleitung von CMV, sie arbeite gemeinsam mit britischen und indischen Behörden daran, einen Charterflug für die Rückkehr der Crew zu organisieren. Alle Heuern würden ausgezahlt, beteuerte sie den Seeleuten. Sie erklärte, die Grenzschließungen aufgrund der Covid-19-Pandemie erschwerten ihre Heimschaffung. Aber wie intensiv waren ihre Bemühungen? Und wann genau sollten die ausstehenden Heuern ausgezahlt werden?

"Das UNTERNEHMEN [Großschreibung durch den Autor] wird euch nach Hause bringen, aber wir brauchen die Landegenehmigung eurer Regierung für die Flugzeuge. Uns ist klar, dass dies jetzt geschehen muss," schrieb ein CMV-Manager in einer Nachricht an die Crew, die an die ITF weitergeleitet wurde.

Die Seeleute sind skeptisch. Insbesondere was das Geld angeht, das das Unternehmen ihnen schuldet. Arjuna sagt, dass er sich am meisten Sorgen um seine Familie macht. Seitdem die Auszahlung des Familiengelds eingestellt wurde, gehen ihre Ersparnisse zur Neige. 

"Wenn ich wüsste, dass meine Familie Geld bekommt, hätte ich kein Problem damit, ein bisschen länger an Bord zu bleiben, während sie unsere Heimflüge organisieren," so Arjuna. 

Die ITF ist bereits seit mehreren Wochen mit der Crew der Astoria befasst, die zum Großteil in der italienischen ITF-Gewerkschaft FIT-CISL organisiert ist. Hinter den Kulissen arbeitet sie mit dem Unternehmen und den Botschaften der Herkunftsländer der Seeleute an einem Plan für ihre Heimschaffung.

ITF-Inspektor Liam Wilson ging an Bord der Astoria und ihrer Schwesterschiffe, nachdem sie arrestiert wurden, um sich ein Bild von der Situation der Crew zu machen und sie mit Unterstützungsdiensten in Kontakt zu bringen. Liam wird unterstützt vom Supervisor des ITF-Inspektor*innen-Teams Finlay McIntosh, der ebenfalls mit den Besatzungsmitgliedern gesprochen hat.

"Die Spannung steigt," so McIntosh. "Wenn das Unternehmen nichts unternimmt, um wenigstens einen Teil der geschuldeten Heuern auszuzahlen, kann die Lage sehr schnell eskalieren und auf andere Schiffe überspringen. Dann werden wir erleben, dass Tausende von Seeleuten im Hafen von Tilbury in London zur Tat schreiten, und die Crewmitglieder werden zu Recht massive Unterstützung von anderen Beschäftigten, der Bevölkerung und den Medien erhalten."

Die Besatzung der Astoria steht inzwischen im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der CMV. Die fünf festgehaltenen Schiffe liegen nun im Passagierterminal des Hafens von Tilbury vor Anker, aber die Crewmitglieder werden erst von Bord gehen, wenn sie alle ihnen zustehenden Heuern erhalten haben. An Bord des millionenschweren Schiffs zu bleiben, ist eines der wichtigsten Druckmittel, das sie haben. Sie könnten auch wieder in Hungerstreik treten. 

"Natürlich wollen alle Besatzungsmitglieder so schnell wie möglich weg und zu ihren Familien zurückkehren," erklärte McIntosh. "Sie sagen aber, dass sie weitere Maßnahmen ergreifen werden, wenn das Unternehmen seine Vertragsverpflichtungen nicht einhält. Wir werden alle Maßnahmen unterstützen, die sie für richtig halten, um ausgezahlt zu werden, von Bord zu gehen und nach Hause zurückzukehren. Wir sind auf alle Fälle für sie da," betonte McIntosh.
 

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