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Crewwechsel-Krise: Einzelne Regierungen reagieren angesichts des drohenden Chaos in der Seeschifffahrt

NACHRICHTEN

Für Regierungen läuft allmählich die Frist aus, um Ausnahmen bei den Covid-19-Reisebeschränkungen und Regelungen für die schätzungsweise über 200.000 Seeleute zu verfügen, die darauf warten, ihre Schiffe verlassen und nach Hause zurückkehren zu können.

Seit der Verhängung staatlicher Restriktionen zur Eindämmung der Ausbreitung des lebensgefährlichen Virus finden sich viele Seeleute in einer Situation wieder, in der ihnen der Landgang zur Erholung und Entspannung oder zur medizinischen Behandlung verwehrt ist und sie nach Beendigung ihrer Arbeitsverträge nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren können. Während die Regierungen der Welt die Verantwortung für die zunehmende humanitäre Krise von sich schieben, ist im Hinblick auf die Situation dieser Beschäftigten, die ihr Recht auf Verlassen ihrer Schiffe einfordern, allmählich das Ende der Fahnenstange erreicht.

In einem Interview mit der Financial Times erklärte ITF-Generalsekretär Stephen Cotton, nach dem 16. Juni werde die ITF den Seeleuten nicht erzählen, dass sie an Bord bleiben müssen: "Wenn sie das Schiff verlassen wollen, werden wir ihnen dabei helfen."

Bis jetzt haben sich Regierungen, einschließlich großer "Flaggenstaaten", die Lizenzen für die Schiffs- und Kreuzfahrtflotten der Welt ausstellen und vergeben, darauf berufen, die Pandemie sei ein Fall von "höherer Gewalt", der die Aufhebung verbindlicher internationaler Seeverkehrsvorschriften und die Verlängerung von Heuerverträgen rechtfertige. Nautilus-Generalsekretär Mark Dickinson erklärte einem hochrangigen Gremium, dass dieser Vorwand der Regierungen nicht mehr gelte. Die von Gewerkschaften und Arbeitgebern entwickelten Verfahrensprotokolle, die von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) der Vereinten Nationen im Mai gebilligt wurden, gäben den Regierungen alle Mittel zur Lösung der Krise an die Hand, so Dickinson.

Wenn Tausende von Seeleuten sich einer Verlängerung ihrer Heuerverträge widersetzen und ihre Heimschaffung fordern, ohne dass neue Crews zu ihrer Ablösung bereitstehen, könnte das für die globale Schifffahrtsindustrie gravierende Folgen haben. Zahlreiche Schiffe könnten womöglich die Vorschriften über Mindestbesatzungsstärken nicht einhalten und würden deshalb von den Behörden gestoppt, oder der Deckungsschutz durch die Schiffshaftpflichtversicherung könnte erlöschen. Das wäre für die Welthandelsrouten und die Milliarden von Konsument*innen, die von ihnen abhängen, katastrophal.
 

Kanada und Hongkong gehen mit gutem Beispiel voran

Einige Länder haben den Ernst der Lage erkannt und setzen notwendige Änderungen um. Im Gespräch mit Sam Chambers von Splash247 erklärte der kanadische ITF-Koordinator Peter Lahay, dass Kanada sich als Drehkreuz für Crewwechsel positioniere.

Die ITF hat mit der kanadischen Schifffahrtskammer und der Regulierungsbehörde Transport Canada neue Covid-19-Protokolle erarbeitet, um Seeleuten den Transfer von und zu Flughäfen, Hotels und Schiffen zu ermöglichen. Vor allen Dingen benötigen Besatzungsmitglieder, die ihre Schiffe verlassen, für die Durchreise durch Kanada kein Visum und müssen nicht in Quarantäne, und auch die ablösende Besatzung wird auf ihrem Weg zum Einschiffen nicht unter Quarantäne gestellt. Seeleute aus Ländern, deren Staatsangehörige ein Visum benötigen, können dieses online beantragen und erhalten die Bestätigung per E-Mail.

Pragmatische Ausnahmeregelungen nach dem Beispiel Kanadas könnten verhindern, dass der globale Schifffahrtssektor zum Erliegen kommt. Hongkong führte in der letzten Woche eigene Protokolle ein, um Crewwechsel zu erleichtern und zu unterstützen. Seeleute, die in Hongkong ihren Dienst antreten oder beenden, werden nicht unter Quarantäne gestellt und benötigen für das Ein- und Ausschiffen keine speziellen Genehmigungen. Die Hongkonger Behörden legen Wert darauf, dass Schifffahrtsunternehmen oder ihre Agenten dafür sorgen, dass ankommende oder abreisende Seeleute so wenig wie möglich mit der Bevölkerung in Kontakt kommen. Angesichts des drohenden Handelseinbruchs infolge dieser Krise sind die Kosten einer Taxifahrt zum Hafen ein geringer Preis dafür, die Schiffe der Welt in Betrieb zu halten.
 

Symptome eines kranken Systems

Die Krise macht deutlich, wie zersplittert und krank das internationale Schifffahrtssystem ist. Es gibt Flaggenstaaten, die ihre Seeleute nicht heimschaffen können oder wollen. Zum einen sind da die Länder, aus denen die größte Anzahl von Seeleuten stammt, deren Regierungen sie nicht nach Hause kommen lassen. Und dann sind da die mächtigen Hafenstaaten, die zwar gerne den Verkehr von Waren zulassen, die ihren Volkswirtschaften und ihrer Bevölkerung zugutekommen, aber nicht dazu bereit sind, die Ablösung und Heimkehr von Seeleuten zu unterstützen, die sich seit Monaten auf diesen Schiffen befinden.

Unter den Flaggenstaaten hat Zypern spezielle Protokolle für Crewwechsel angekündigt. Die stellvertretende Schifffahrtsministerin Natasa Pilides erklärte in einem Schreiben, dass die Erleichterung von Crewwechseln unabdingbar für den Schutz des Wohlergehens der Seeleute und den internationalen Handel sei. "Der Transport lebensnotwendiger Güter zu den Menschen, die sie brauchen, ist jetzt wichtiger denn je," so Pilides.

Das Außenministerium der Philippinen, einem der Hauptherkunftsländer von Seeleuten, warnt, dass "nicht weniger als 35.000 philippinische Seeleute auf ihre Rückkehr warten, die infolge einer neuartigen Coronavirus-Pandemie im Ausland festsitzen". Das Land hat versucht, die Anzahl der täglichen Repatriierungen zu beschränken, wobei viele philippinische Seeleute sich noch immer an Bord von Kreuzfahrtschiffen in der Manilabucht befinden und nicht an Land dürfen.

Was die europäischen Hafenstaaten anbelangt, so hat der britische Gewerkschaftsdachverband Trades Union Congress (TUC) die Regierung von Boris Johnson aufgefordert, in der ganzen Welt auf die Durchführung von Crewwechseln zu drängen. Die TUC-Vorsitzende Frances O'Grady erklärte, ihr Land könne die Federführung bei den internationalen Bemühungen um die Erleichterung von Crewwechseln übernehmen und "sichere Korridore" schaffen, die Seeleuten die freie Bewegung ermöglichen.

"Seeleute spielen eine wesentliche Rolle in den globalen Handelsnetzen, indem sie unsere Volkswirtschaften am Laufen halten und die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern gewährleisten," so O'Grady. "Sie sollten als systemrelevante Arbeitskräfte anerkannt werden und die Bezahlung und die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Stattdessen sitzen sie zu Tausenden auf See und in Häfen fest. Wenn nichts unternommen wird, wird diese Krise unsere wichtigen Lieferketten beschädigen und die Erholung der britischen Wirtschaft beeinträchtigen."

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