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ITF-Präsident setzt sich im Vatikan für Gleichheit und Gerechtigkeit ein

06 Mar 2019
Rede des ITF-Präsidenten Paddy Crumlin auf dem "Transport Union and Manufacturers Summit" im Casina Pio IV in Vatikanstadt


Danke für diese sehr wichtigen und bewegenden einführenden Worte, Monsignore.

Ich weiß, es sind ein paar Leute wegen uns gekommen und wir möchten nicht, dass sie etwas Wichtiges verpassen. Es hat sich herumgesprochen, dass die ITF in der Stadt ist. Menschen strömen durch die Tore des historischen Vatikans.

Mein Vater, ein Katholik, sagte zu mir: "Ich hätte nie gedacht, dass aus dir mal was wird, mein Sohn, und jetzt bist du im Vatikan."

Herzlich willkommen, Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren. Ich bin Paddy Crumlin, der Präsident der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF). Wir vertreten etwa 20 Millionen Verkehrsbeschäftigte weltweit in allen Bereichen der Lieferkette und des Verkehrs, in der Schifffahrtswirtschaft, im Stauereisektor, im Luftverkehr, im Straßentransport, bei der Eisenbahn, im öffentlichen Personennahverkehr, in der Fischereiwirtschaft, die sie vorhin erwähnten, Monsignore, und im Fremdenverkehr. Wir sind also Bestandteil des Lebensnervs, oder wenn sie wollen, von Herz und Blut der internationalen Arbeitnehmerschaft. Wir verbinden alle Wirtschaftszweige, vom Bergbau über Produktion bis zum Einzelhandel, und bilden in dieser zunehmend globalen Welt die Arterien der Produktivität, des Vermögenszuwachses, der Umverteilung von Gütern für ein besseres, erfüllteres und würdevolles Leben. Wir sind für den internationalen Handel in einer Welt, deren Bevölkerung exponentiell wächst, unverzichtbar.

Deshalb kam diese Einladung des Vatikans und, Monsignore, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben, von Ihrem Boss, dem Papst, zur rechten Zeit. Der "Big Boss", nun ja, er ist nicht der "Big Boss", aber der "Big Boss" auf Erden. 

Es ist an der Zeit für Versöhnung und Besinnung, und es ist großartig, dass die Katholische Kirche, insbesondere ihre Leitung, sich ihrer moralischen, intellektuellen, spirituellen und ethischen Verantwortung nicht entzieht und bereit ist, alle Akteure in unserer materiellen Welt dazu aufzufordern, zielgerichteter, ganzheitlicher und auf moralisch vertretbarere Weise zu handeln.

Die ITF stellt sich dieser Aufforderung. Wir sind keine politische Institution, auch wenn wir sicherlich bestimmte Politiken verfolgen. Wir vertreten einen Zusammenschluss von Beschäftigten in den genannten Branchen sowie Beschäftigte im Allgemeinen.

So wie Sie und Ihre Kirche, Monsignore, sind wir der Überzeugung, dass ein Gleichgewicht zwischen dem Erwerb materiellen Wohlstands und seiner auf moralisch akzeptablen Grundlagen basierenden Umverteilung herrschen muss. Andernfalls wird die Welt mit ihren 8 Milliarden Menschen immer funktionsunfähiger und durch die zahlreichen Aspekte, die uns trennen, ob Geschlecht, Alter, Rasse oder weitere Unterschiede, die zwischen uns bestehen, gespalten. Wie Papst Franziskus bereits feststellte, leben wir in einer Zeit der Dysfunktion und des Kriegs. Der riesige geschaffene Reichtum trägt in keiner Weise zur notwendigen Lösung von Konflikten im Nahen Osten oder in bestimmten Regionen Afrikas bei. Große Armut und Entwurzelung sowie der enorme Strom von Vertriebenen aus gescheiterten Volkswirtschaften und gescheiterten politischen Systemen sind Realität.

Deshalb tragen wir als Gewerkschaftsbewegung eine größere Verantwortung, derer wir uns deutlich bewusst sind, diese Beschäftigten zu vertreten, nicht nur diejenigen, die in unseren Gewerkschaften organisiert sind, sondern alle, die mit den gewaltigen Herausforderungen konfrontiert sind, die die moderne Welt mit sich bringt. Das können wir nur in Partnerschaft tun. Deshalb freuen wir uns über die brüderliche und schwesterliche Hilfe, die uns die Kirche und der Vatikan anbieten.

Es ist doch unglaublich, dass in dieser Welt sieben, acht oder zehn Einzelpersonen den Reichtum von 3,5 Milliarden Menschen kontrollieren. Es ist ein bemerkenswerter Punkt in der Entwicklung der Menschheit und unserem Streben nach einer zivilisierten, funktionsfähigen und solidarischen Gesellschaft: Werte zu haben, wonach diese Polarisierung von Reichtum nicht nur akzeptabel ist, sondern sogar angestrebt wird.

Wie Sie bereits erwähnten, hinterfragen wir die Institutionen der Politik, die dies zulassen, und wir hinterfragen auch unsere eigenen internen bürokratischen Strukturen, um erwerbstätige Männer und Frauen effizienter dazu in die Lage zu versetzen, die enormen Herausforderungen der modernen Welt zu bewältigen.

Es ist sehr wichtig, dass wir dem Kapital und dem Unternehmertum, multinationalen Konzernen die Stirn bieten, die glauben, dass sie außerhalb nationaler Regulierungssysteme stehen und das Recht haben, und tatsächlich auch die Gelegenheit ergreifen, eine freiwillige Selbstverpflichtung und die Bereitschaft zu verweigern, in Übereinstimmung mit den echten Werten der Gemeinwesen zu handeln, in denen sie tätig sind.

Dafür gibt es viele Beispiele. Die globale Finanzkrise, die Art von Krise im Kapitalismus, die durch Habgier, falsche Mediendarstellungen und das chronische Versagen der Banken verursacht wurde. Eine königliche Kommission in Australien kam tatsächlich zu dem erschreckenden Ergebnis, dass Banken in einem der reichsten Länder der Erde viele Jahre lang ein korruptes und kriminelles Vorgehen an den Tag legten, das von einem australischen Normalbürger nie und nimmer geduldet würde.

Einige der anlässlich der globalen Finanzkrise eingeführten Rahmenregelungen, wie die Basel-Richtlinien und amerikanische Rechtsvorschriften, zielten darauf ab, Banken so zu regulieren, dass sie weder Ausbeutung noch Spekulation betreiben, sondern die materiellen Voraussetzungen für eine Lebensentwicklung bieten, sei es durch Wohnungsbau oder Gesundheitsfürsorge, die den Menschen ein gewisses Maß an Versorgung und Stabilität gewährleistet. Bei der Weltfinanzkrise kam im Grunde genommen zum Ausdruck, dass die Banken und in zunehmendem Maße auch multinationale Unternehmen ihre Geschäfte ohne jegliches moralisches oder philanthropisches Bewusstsein betreiben, sondern ausschließlich kurzfristigen Gewinnen hinterherjagen und bereit sind, dafür fast alles zu tun.

Dies hat sich nun auf vielfache Weise offenbart. Für unsere Gesellschaften gilt es nun, innerhalb dieser Rahmenbedingungen weiterzuarbeiten, und das ist nicht einfach. Ein Teil des Zusammenbruchs, des moralischen Zusammenbruchs im Kontext der internationalen politischen Rahmenbedingungen, besteht darin, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und ihre Familien das Vertrauen verloren haben, dass ihre politischen Institutionen sie vor dieser Habgier schützen. Der von Ihnen erwähnten Sklaverei, Kindersklaverei und Kindesmissbrauch sowie den zahlreichen weiteren Missbrauchsfällen, die Sie in Ihrer Rede aufzählten, Monsignore.

Die Politiker haben weder die Fähigkeit noch den Willen, gegen diese mächtigen wirtschaftlichen und institutionellen Mächte vorzugehen, um ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Wählerschaft nachzukommen. Wir beobachten also zunehmend das Scheitern politischer Institutionen. Ich spreche dabei nicht von einem bestimmten Land, denn ich sehe viele meiner Kolleginnen und Kollegen und weitere Anwesende hier im Raum zustimmend nicken, dass es sich hierbei um ein chronisches kollektives Scheitern handelt.

Von daher gesehen besteht die Rolle der Kirche, die Rolle der Nicht-Regierungsorganisationen, die Rolle des Kollektivismus und der Gewerkschaftsbewegung, die Rolle dieser Institutionen und Zusammenschlüsse, deren primäre Ziele Umverteilung und soziale Gleichheit sind, in der Bereitschaft zur Schaffung einer materiellen Welt, die für viele und nicht nur einige wenige da ist, sowie darin, den Mut aufzubringen, politischen und wirtschaftlichen Eliten Paroli zu bieten. Es ist eine Zeit für großen Mut, Monsignore, für große Visionen und für breites kollektives Handeln.

Hier möchte ich auch wieder auf die Tatsache zu sprechen kommen, dass Sie uns an diesen geschichtlich und spirituell so bedeutenden Ort eingeladen haben, was sich niemand von uns, am allerwenigsten ich, ein legasthenischer Vollmatrose und Hafenarbeiter, je hätte träumen lassen. An diesem geschichtsträchtigen Ort großer Macht zu sein, ist ein Zeichen dafür, dass die Welt sich ändert und wir sie zurückfordern können.

Abschließend möchte ich auf einen bestimmten Fall in Australien eingehen. Es gibt ein Unternehmen namens BHP, das weit entfernt im Outback, wo Australien über riesige Eisenerzvorkommen verfügt, von australischen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen aufgebaut wurde. Vor 100 Jahren schufen wir Wirtschaftszweige, aus denen die Stahlerzeugung und die verarbeitende Industrie hervorgingen. Mit Hilfe der Anstrengungen arbeitender Männer und Frauen schufen wir unter bisweilen furchtbaren körperlichen Bedingungen ein Unternehmen, das nicht nur über Reichtum und Substanz verfügte, sondern seine Tätigkeit auch im Einklang mit der großen Vision, die diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie das Unternehmen selber von der Staatsbildung hegten, in den Dienst der australischen Gesellschaft stellte. Neben denen der Staatsbildung verkörperte das Unternehmen auch zahlreiche kirchliche Werte, viele der ehrenhaftesten gesellschaftlichen Werte sowie viele demokratische Werte und wurde größer und größer.

In den letzten Jahren wurde es so groß, dass es mit Billiton in Südafrika zu einem multinationalen Konzern fusionierte. Es ist in drei Ländern registriert. Es hat seine nationale Identität hinter sich gelassen, um weltweit Wohlstand zu schaffen.

Solche moralischen Tugenden kommen heute in großem Maße in ökologischen und sozialen Grundsätzen, einer Verpflichtung gegenüber der Umwelt, die diese enorme Bevölkerung, von der sie sprachen, ernähren kann, sozialer Verantwortung gegenüber Beschäftigten und ihren Familien und der gerechten Umverteilung des Wohlstands, die die Produktivität des Unternehmens nicht beeinträchtigt, sondern bessere Lebensbedingungen für alle schafft, nicht nur in Australien, sondern weltweit, zum Ausdruck. Hinzu kommt eine verantwortungsvolle Unternehmensführung, denn es sind staatliche Unternehmen, von denen, wie wir besprochen haben, viele im Besitz von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und ihren Rentenfonds sind – in Kanada, Nordamerika, Australien, den Niederlanden und ganz Europa –, in die Beschäftigte einen Teil ihrer Löhne einzahlen, um im Alter, wenn sie besonders schutzbedürftig sind, vor Armut und Vertreibung sicher zu sein.

Ein Großteil dieser Gelder fließt direkt in die Privatisierung von Vermögenswerten. Gegen Privatisierung an sich ist nichts einzuwenden, aber wenn Privatisierung gleichbedeutend ist mit dem Verkauf eines öffentlichen Vermögenswerts, der dann an die Menschen, denen er ursprünglich gehörte, zurückverkauft wird, ist das eine Form von politischer und wirtschaftlicher Korruption.

Dabei geht es teilweise auch um Steuerhinterziehung. Multinationale Unternehmen mit derart beträchtlichen Budgets sind in der Lage, sich ihren Pflichten gegenüber der Gesellschaft zu entziehen. Ihnen sind diese Gesellschaften gleichgültig, sie sind kein australisches oder amerikanisches Unternehmen mehr. Und so nehmen sie gerne die Dienste von Mossack Fonseca in Anspruch und nutzen externe Mechanismen, um Steuern zu vermeiden. Und genau das hat dieses Unternehmen getan.

Was Brasilien und manche der enormen Probleme in Südamerika angeht, sind die folgenden Unternehmen verantwortlich für die Dammbrüche an den Eisenerzminen: Vale und BHP. Vale steht durch seinen jüngsten Zusammenbruch inzwischen im Zentrum eines weiteren Dramas.

Sehen Sie, das ist mangelnde Governance. Diese Unternehmensvorstände haben mit sozialer Verantwortung für Gesundheit und Sicherheit nichts am Hut. Hunderte von Menschen kamen ums Leben. Viele indigene Gemeinschaften werden sich nie erholen.

Natürlich können wir eine Sammelklage gegen diese Art von Multinationalismus einreichen. Wie sich allerdings im Fall von Chevron zeigte, gibt solch ein Unternehmen 10 oder 15 Milliarden Dollar aus, um eine Sammelklage niederzuschlagen, denn falls es zur Verantwortung gezogen wird, wird das wieder und wieder geschehen. Darüber hinaus verfügen viele dieser kleinen Kommunen sowie Beschäftigte und Gewerkschaften nicht über die materiellen Mittel, solche Rechtsstreite zu gewinnen.

Teil des Problems ist, dass wir nur selten die Wahrheit hören. Falschmeldungen, Lügen und verzerrte Darstellungen der enormen Probleme und ihrer Verantwortlichen sind an der Tagesordnung. News Limited zum Beispiel ist nicht nur eine Zeitung, sondern ein eigenes Unternehmen, das sich der Zeitung bedient, um Falschinformationen und verzerrte Darstellungen zu verbreiten, die nicht nur seine politische, sondern auch seine unternehmerische Agenda voranbringen. Noch so ein Unternehmen, das einem Milliardär und einer Milliardärsfamilie gehört.

Damit möchte ich schließen, Monsignore. Es ist ein wunderbares Gefühl, in Vertretung der 20 Millionen in der ITF organisierten Beschäftigten hier zu sein und unserer Hoffnung und Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass wir gemeinsam eine bessere Welt schaffen.

Ich danke Ihnen für diese Gelegenheit und freue mich auf die weitere Zusammenarbeit und weitere Gespräche mit Ihnen, nicht nur an den kommenden zwei Tagen, sondern über viele Wochen, Monate und Jahre, die vor uns liegen. Danke.


Der "Transport Union and Manufacturers Summit" wurde von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) gemeinsam mit dem Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften am 4. und 5. März 2019 ausgerichtet.

 

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