„Solidarität mobilisieren” – Was wurde erreicht?
ITF translations available: English, Deutsch
Google free translation: Italiano, Norske, Português, Türk, 中国的, 한국의, Bahasa Melayu, ภาษาไทย, हिंदी, اردو,
தமிழ், Kiswahili, Español, Français, Svenska, Русский, العربية
Vor vier Jahren verabschiedete der ITF-Kongress einstimmig das Dokument „Solidarität mobilisieren“. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kongresspapieren ging es darin nicht um Sektionsstrategien, Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen, den Umgang mit staatlichen Stellen oder die Durchsetzung von Gewerkschaftsrechten. Im Mittelpunkt von „Solidarität mobilisieren“ stand vielmehr das Verhältnis zwischen der ITF und den ihr angeschlossenen Gewerkschaften.
„Solidarität mobilisieren“ forderte eine wirkungsvollere, weiter reichende Beteiligung der angeschlossenen Gewerkschaften an den Aktivitäten der ITF und umgekehrt eine bessere Integration der ITF-Aktivitäten in die Kernarbeit der Gewerkschaften. Man wollte damit keine Änderung der Satzung oder der Verfahrensordnungen innerhalb der ITF erreichen, sondern die kritische Überprüfung von Einstellungen und Arbeitsweisen. Insbesondere sollte auch die „Kommunikationspyramide“ abgetragen werden, um einen vielschichtigen Austausch zwischen der ITF und den ihr angeschlossenen Gewerkschaften zu ermöglichen und mehr Funktionäre bzw. Aktivisten an der internationalen Arbeit zu beteiligen.
Hat das Dokument etwas bewirkt? Die ITF wollte es wissen und verschickte 2001 an alle angeschlossenen Gewerkschaften einen Fragebogen. Ein Drittel der Organisationen antwortete – keine schlechte Rücklaufquote. Fazit der Umfrage: „Solidarität mobilisieren“ scheint auf viele Kernbereiche beträchtliche Auswirkungen gehabt zu haben.
In dem Strategiedokument wurde eine Reihe reformbedürftiger Kernbereiche genannt, wobei der Schwerpunkt auf der Bildung und Information lag. Gefordert wurde eine Ausweitung des ITF-Bildungsprogramms. So sollte nicht länger nur der Aufbau von Gewerkschaften in den Entwicklungsländern im Mittelpunkt stehen, vielmehr sollten in erster Linie Schulungen zum Thema Globalisierung und internationale Solidarität angeboten werden, die für alle der ITF angeschlossenen Gewerkschaften von Belang sind.
Die ITF startete daraufhin eine ganze Reihe relativ neuer Bildungsaktivitäten. So arbeitet sie z. B mit einigen angeschlossenen Gewerkschaften an der Erweiterung der Bildungsarbeit, mit dem Ziel, der Globalisierung im Verkehrswesen einen weitaus höheren Stellenwert als zuvor einzuräumen. Außerdem erstellt sie Schulungsmaterialien, mit denen die Gewerkschaften ihre Bildungsaktivitäten ausbauen können. Und sie organisiert Informationsbesuche, damit Gewerkschaftsvertreter/innen die ITF-Büros besichtigen und sich vor Ort über die Arbeit der Föderation unterrichten lassen können.
Die ehrgeizigste Neuerung waren die ITF-Sommerschulen. Dabei handelt es sich um einen alljährlich stattfindenden fünftägigen Kurs über Verkehr, Globalisierung und internationale Solidarität. Sommerschulen für englischsprachige Teilnehmer/innen fanden 1999 in Oxford, 2000 in Berlin und 2001 in Kopenhagen statt. An diesen drei Kursen nahmen Vertreter/innen von 60 Gewerkschaften aus 43 Ländern teil. 2002 stehen zwei Sommerschulen an: eine mit der Arbeitssprache Französisch in Lyon (Frankreich) und eine auf Spanisch in Rio de Janeiro (Brasilien).
Wurde letztendlich eine intensivere Behandlung internationaler Themen in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit erreicht? Es scheint so. Von den Gewerkschaften, die formell ein Mitgliederschulungsprogramm anbieten, kurbelten 83 Prozent in den letzten drei Jahren ihre Bildungsarbeit zu internationalen Themen an, wie aus der ITF-Umfrage hervorgeht. 24 Prozent davon vermeldeten sogar einen starken Anstieg der Zahl der Kurse, in denen diese Themen behandelt wurden.
Eine weitere tief greifende Neuerung im Zuge des Programms „Solidarität mobilisieren“ ist das regelmäßig erscheinende ITF-Magazin „Transport International“. Es befasst sich mit Verkehrs- und Globalisierungsthemen und enthält aktuelles Informationsmaterial für die angeschlossenen Gewerkschaften. Im Gegensatz zum Vorgängermagazin, den „ITF-Nachrichten“, liegt der Schwerpunkt bei „Transport International“ auf längerfristig verwertbaren, für die Bildungsarbeit nützlichen Artikeln, die sich gut für Flugblätter, Handzettel oder Bildungsmaterialien eignen. Das Magazin erscheint in sieben Sprachen.
In dem Dokument „Solidarität mobilisieren“ wurde festgestellt, dass nur sehr wenige Mitglieder der uns angeschlossenen Gewerkschaften die ITF-Materialien und –Veröffentlichungen zu Gesicht bekommen. Die ITF kann zwar nicht beliebig viele Exemplare drucken lassen und das Material auch nicht in alle Sprachen übersetzen, muss aber trotzdem überlegen, wie sie eine größere Zahl von Gewerkschaftsmitgliedern erreicht.
„Transport International“ steht auf der Homepage der ITF zur Verfügung und kann wie alle aktuellen Veröffentlichungen von dort heruntergeladen werden. Die ITF-Website bietet einen guten Einblick in die Arbeit und Aktivitäten der ITF. Sie kann von allen Gewerkschaftsaktivist/innen rund um den Globus (und überhaupt von jedem mit Internetzugang) besucht werden. Wir haben sie vor kurzem umgestaltet und verbessert und sie noch mehr an den Bedürfnissen der angeschlossenen Gewerkschaften ausgerichtet. Ein Großteil der Website ist mittlerweile auch in französischer, deutscher, spanischer und schwedischer Sprache aufrufbar; das ITF-Büro in Moskau betreibt außerdem eine Homepage in russischer Sprache. In den letzten drei Jahren ist die Zahl der Website-Besucher um über 400 Prozent gestiegen.
Mit den genannten Maßnahmen und Angeboten versuchen wir den Informationsaustausch zwischen der ITF und den ihr angeschlossenen Gewerkschaften zu intensivieren und zu verbessern. Eines der im Dokument „Solidarität mobilisieren“ genannten Haupthindernisse, das einer guten Kommunikation im Weg steht, ist jedoch die Sprache. Dabei wird das System der „offiziellen“ ITF-Sprachen mittlerweile weit flexibler als je zuvor gehandhabt. Einerseits wird in Arbeitsgruppen und Dokumenten immer häufiger nur eine Sprache verwendet (in der Regel Englisch), andererseits erstellt man heute manche Kampagnenunterlagen wie z. B. für den Aktionstag im Straßentransportsektor in bis zu 29 Sprachen. 40 Prozent der Gewerkschaften, die sich an unserer Umfrage beteiligten, gaben an, dass bei der Teilnahme an ITF-Aktivitäten Sprachbarrieren in den letzten drei Jahren eine immer geringere Rolle gespielt haben. Nur 6 Prozent erklärten, dass sich das Sprachenproblem verschlimmert habe.
In dem Dokument „Solidarität mobilisieren“ wird vorgeschlagen, den Aktivitätenschwerpunkt der ITF von Sitzungen auf weltweite Kampagnen zu verlagern. Und in der Tat haben alle Fachsektionen der ITF mittlerweile weltweite Kampagnen eingeleitet, zum Teil mit eindrucksvollen internationalen Massenaktionen wie Demonstrationen oder auch Lobbyaktionen gegenüber nationalen Volksvertretungen. Man hatte viele gute Einfälle, wie z. B. das riesige aufblasbare Maskottchen in der Kampagne gegen Flugkoller im Pariser Flughafen Charles de Gaulle oder die Organisation langer Lkw-Konvois. Meist wurden bei diesen Kampagnen viele tausend Gewerkschaftsmitglieder zum ersten Mal direkt in eine Aktivität der ITF eingebunden. An der letztjährigen Kampagne „Übermüdung tötet“ beteiligte sich weltweit eine Viertelmillion Fahrerinnen und Fahrer.
Diese Kampagnen erfordern eine intensive Vorbereitung. Dazu zählt auch die Erarbeitung von Richtlinien und Handbüchern – oftmals in mehreren Sprachen – sowie vorbereitende Regionalsitzungen. In der ITF-Umfrage gaben 91 Prozent der Gewerkschaften an, dass sie bereits an ITF-Kampagnen teilgenommen haben. 72,4 Prozent davon wiederum erklärten, dass ihren Mitgliedern dadurch die ITF nähergebracht wurde.
Die Verlagerung des Aktivitätenschwerpunkts war allerdings nicht die einzige Veränderung. Die ITF-Sitzungen und Aktivitäten müssen für die Führungskräfte einen greifbaren Nutzen haben. Deshalb setzt man nun mehr auf Spezialthemen und Praxisnähe. Die Sektionen der ITF bauen zunehmend gewerkschaftliche Netzwerke auf, die sich mit speziellen transnationalen Unternehmen befassen oder internationale Informationen über spezifische Themen wie Gesundheit und Sicherheit sammeln. Das erfordert die Beteiligung einer immer größeren Bandbreite von Ansprechpartnern aus den angeschlossenen Gewerkschaften.
Mehr und mehr Gewerkschaften sind der Auffassung, dass die Teilnahme an ITF-Sitzungen nicht ausschließlich Sache der obersten Gewerkschaftsspitze ist. Aus 45,5 Prozent der eingelaufenen Fragebögen ging hervor, dass die Gewerkschaften mittlerweile mehr Delegierte aus unterschiedlichen Hierarchieebenen innerhalb ihrer Organisation zu ITF-Sitzungen schicken. 77 Prozent erhöhten eigenen Angaben zufolge in den letzten drei Jahren ihre Teilnahme an ITF-Aktivitäten. 28 Prozent vermeldeten sogar einen starken Anstieg.
„Solidarität mobilisieren“ war ein äußerst ehrgeiziges Programm mit dem Ziel, die Arbeitsweise und Haltung von Gewerkschaften in einer Zeit immer knapper werdender Ressourcen zu verändern. Der ITF ging es zudem speziell um die Verbesserung ihrer Beziehung zu den angeschlossenen Gewerkschaften. Den Umfrageergebnissen zufolge scheint das zumindest teilweise gelungen zu sein. Darauf deutet insbesondere auch die Tatsache hin, dass 99,4 Prozent der Gewerkschaften, die den Fragebogen zurückschickten, von einem innerhalb der letzten drei Jahre gestiegenen Bekanntheitsgrad der ITF bei der Basis berichteten.
Unstrittig ist allerdings auch, dass in fast allen Bereichen, auf die sich das Programm erstreckt, noch viel zu tun bleibt. Es wurden Fortschritte erzielt, ohne dass größere zusätzliche Mittel dafür notwendig gewesen wären, doch das Projektziel, Solidarität zu mobilisieren, ist noch lange nicht erreicht. Der ITF-Kongress wird sich damit befassen, wie es in den nächsten vier Jahren weitergehen soll.