Weichen stellen für Chancengleichheit
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Auf der ITF-Sektionskonferenz Eisenbahn in Brasilien trafen im vergangenen Jahr weibliche Bahnbeschäftigte zusammen. Claire Clarke berichtet über die Fortschritte der Geschlechtergleichstellung in der Branche. Das Interview führte Antonio Fritz
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| Internationaler Aktionstag der Bahnbeschäftigten in Russland |
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In welchen Bereichen innerhalb des Eisenbahnsektors sind Frauen tätig?
Nach den von der ITF-Sektion Eisenbahn erhobenen Daten konzentrieren sich weibliche Bahnbeschäftigte vorwiegend auf die Verwaltung, den Vertrieb sowie den Reinigungs- und Cateringbereich. Eine Minderheit von Frauen ist in zentralen technischen und operativen Tätigkeiten anzutreffen, wie im Fahr-, Signal- und Rangierdienst, wobei der Anteil von Frauen in solchen Funktionen im Personenverkehr höher ist als im Güterverkehr. In einigen Ländern gibt es in diesen Bereichen gar keine weiblichen Beschäftigten. Vereinzelt sitzen Frauen in höheren und leitenden Positionen, die aber hart erkämpft sind.
Welche Hürden stehen der Beschäftigung von Frauen im Eisenbahnsektor im Wege?
Die Arbeitsbedingungen einiger Bahnberufe sind für Frauen ungeeignet. So ist z. B. das Fahrpersonal im Schienengüterverkehr über lange Phasen von zuhause entfernt, was diese Tätigkeit für Frauen unattraktiv macht. Bisweilen fehlt auch das Bewusstsein für die Möglichkeiten, die die Branche Frauen bietet.
Mehrere Delegierte der ITF-Konferenz in Brasilien berichteten von Barrieren, die Frauen von der Ausübung bestimmter Tätigkeiten abhalten, selbst wenn sie selbst es gerne wollen. Solche Barrieren können in folgenden Bereichen auftreten:
- Gesetzgebung: In der Mongolei ist es Frauen aufgrund von Gesundheits- und Sicherheitsrisiken per Regierungsdekret verboten, als Lokführerinnen oder Zugbegleiterinnen zu arbeiten.
- Kulturelle Vorurteile: Aufgrund der im Sektor weit verbreiteten Macho-Kultur passt es einigen männlichen Beschäftigten nicht, dass Frauen sich für operative Tätigkeiten ausbilden lassen und auf entsprechende Stellen bewerben, und sie stemmen sich ihrer Anstellung in solchen Positionen entgegen. Ohne dass dies begründet würde, können in Kenia Frauen beispielsweise durchaus als Technikerinnen und Stationsvorsteherinnen arbeiten, dürfen sich aber nicht zu Schaffnerinnen ausbilden lassen.
- Unternehmensleitung: Nach Berichten von Delegierten aus Indonesien und Argentinien üben Frauen dort keine technischen Tätigkeiten aus, da die Unternehmensleitung Gesundheits- und Sicherheitsrisiken befürchte, die mit der Nachtarbeit von Frauen verbunden sind, aber keine Sicherheitsmaßnahmen umsetzen wolle. In Botswana dürfen Frauen nicht als Lokführerinnen oder Rangiererinnen arbeiten, obwohl viele das wünschen.
Welche Rolle spielen die Frauen innerhalb der Gewerkschaften?
Die geringe Repräsentanz von Frauen im Bahnsektor insgesamt spiegelt sich in den Gewerkschaftsstrukturen wider: Es gibt zahlreiche aktive Frauen in niedrigen und mittleren Positionen, aber nur wenige auf höheren und Führungsebenen. Auch in den gewerkschaftlichen Verhandlungsteams fehlen Frauen.
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| Internationaler Aktionstag der Bahnbeschäftigten in Italien |
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Es gibt jedoch Ansätze, das zu ändern. In einigen Ländern existieren mittlerweile klare politische Vorgaben zur Festlegung von Gleichstellungszielen im Bereich Beschäftigung. Laut Berichten von Delegierten aus Spanien, Kanada und Südafrika auf der ITF-Konferenz im Dezember wurden in ihren Ländern Gesetze zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern aufgelegt.
In Südafrika sind die Unternehmensleitungen durch das Gesetz für Gleichheit bei der Anstellung ("Employment Equity Law") dazu verpflichtet, Zielvorgaben für die verbesserte Repräsentanz von Frauen auf allen Beschäftigungsebenen zu vereinbaren. Die der ITF angeschlossene Gewerkschaft SATAWU ist aktiv in diesen Prozess einbezogen. Nach den von der Gewerkschaft vorgelegten Daten sind 29,3 Prozent des Fahrpersonals im Personenverkehr (bzw. 259 von 885 Lokführer/innen) und 16 Prozent des Fahrpersonals im Güterverkehr (bzw. 441 von 2.729 Lokführer/innen) Frauen.
Mit welchen Formen von Diskriminierung sind Frauen konfrontiert?
In vielen Ländern existieren zwar Regelungen wie Mutterschaftsurlaub und -geld sowie Angebote zur Wahrnehmung alternativer Tätigkeiten während der Schwangerschaft, aber diese gehen häufig am Ziel vorbei. Nach Auskunft einiger Delegierter der ITF-Konferenz ist die Versetzung auf eine "leichtere Tätigkeit" häufig mit dem Verlust von Überstundenbezahlung und Fahrtdienstprämien (z. B. für Lokführer/innen) verbunden. Daher melden viele Frauen ihre Schwangerschaft erst sehr spät. Oft sind solche "leichten Tätigkeiten" auch nicht produktiv, sodass weibliche Beschäftigte sich zum Dienst melden müssen, de facto aber monatelang nichts zu tun haben. Wie gesetzliche Regelungen in der Realität umgesetzt werden hängt letzten Endes von der Bereitschaft des Unternehmens und der Geschäftsleitung vor Ort ab. Bei ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz sind Frauen dann bisweilen damit konfrontiert, dass ihnen Aufstiegschancen versperrt sind oder die Funktion, die sie ehemals ausübten, eingestellt wurde.
Laut Gewerkschaftsberichten existieren bei den Bahnen noch weitere Formen von Diskriminierung. Unter anderem bezieht sich das auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Bereitstellung von Toilettenanlagen sowie Einstellungspraktiken, aufgrund derer Bewerberinnen in Vorstellungsgesprächen ihren Familienstand und Kinder oft verheimlichen müssen. Auch versteckte Diskriminierung kommt vor, da Frauen eher als Teilzeit- oder Vertragsbeschäftigte eingestellt werden, sodass ein geschlechtspezifisches Einkommensgefälle entsteht.
Auch Gewalt und sexuelle Belästigung stellen erhebliche Probleme für weibliche Bahnbeschäftigte dar. Nach den Ergebnissen der ITF-Erhebung zur Geschlechtergleichstellung aus dem Jahr 2007 antworteten 50 Prozent der Befragten aus dem Bahnsektor, dass es in ihren Betrieben Arbeitsplatzrichtlinien oder -vereinbarungen zu sexueller Belästigung gibt, ein Drittel schränkte jedoch ein, dass die Beschäftigten nicht in der Umsetzung dieser Richtlinien geschult werden, nur 22 Prozent berichteten, dass Fortbildungen für Mitglieder der Unternehmensleitung stattfinden, und nur 39 Prozent gaben an, dass ihr Unternehmen in Fällen sexueller Belästigung unverzüglich mit Maßnahmen reagiere.
Inwiefern sind Frauen von den Veränderungen des Sektors betroffen?
Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung zeigen nach wie vor weltweit ihre Auswirkungen auf den Schienenverkehrssektor. Infolge von Restrukturierung sind traditionell von Frauen besetzte Arbeitsplätze – also schlechter bezahlte und weniger qualifizierte Funktionen außerhalb des Kernbereichs, wie Reinigungs- und Cateringtätigkeiten – häufig von Entlassungsmaßnahmen oder der Auslagerung an Fremdfirmen bedroht, die das Arbeitsrecht sowie Beschäftigungsbedingungen und Bezahlungsstrukturen häufig unterlaufen. Frauen, die aufgrund familiärer Verpflichtungen nicht so flexibel sein können wie Männer, sind leichter in ihren Rechten angreifbar. Diese Tendenz zur Restrukturierung und Auslagerung konterkariert die zunehmende Zahl von Frauen, die im Sektor Arbeit suchen.
"Infolge der Restrukturierung gibt es nun fünf unterschiedliche, unabhängige Unternehmen, und es ist schwierig, zwischen ihnen zu wechseln," so eine Konferenzteilnehmerin aus Kroatien. Dies wurde von einer schwedischen Delegierten bestätigt, nach deren Ausführungen es in Schweden inzwischen 40 bis 50 Unternehmen gibt, die oft klein sind und demzufolge keinerlei berufliche Aufstiegsmöglichkeiten bieten.
Gema Perujo Corcobado, CCOO (Spanien)
Hat es die Gewerkschaft geschafft, die steigende Zahl weiblicher Bahnbeschäftigter als Mitglieder zu gewinnen?
Ja, die CC.OO hat es geschafft, sie gewerkschaftlich zu organisieren, und deshalb auch eine starke Verhandlungsposition gegenüber den im Auftrag der Bahngesellschaft tätigen privaten Unternehmen erreicht. Dank des verantwortlichen Einsatzes unserer Gewerkschaftsvertreter/innen konnten wir Kollektivverhandlungen durchführen. Wir haben die Beschäftigungsbedingungen und damit die Lebensqualität der Arbeitnehmer/innen verbessert. Aus diesem Grund sind so viele Frauen der Gewerkschaft beigetreten. Unter den jungen Leuten in Spanien fehlt eine gewisse Gewerkschaftskultur, was die Situation erschwert. Aber aufgrund der erfolgreichen Durchsetzung besserer Bedingungen haben wir neue Mitglieder gewonnen, insbesondere unter den weiblichen Beschäftigten.
Gab es zu Beginn der Mitgliederentwicklung in eurer Gewerkschaft Frauen in führenden Positionen?
Nein. Das war ein allmählicher Prozess. Es fing damit an, dass Frauen zunächst einmal mit am Verhandlungstisch saßen, dann erhielten sie Zugang zu verantwortlichen Positionen innerhalb der Gewerkschaft, allerdings nicht auf der Führungsebene. Das gab uns Auftrieb, und den weiblichen Beschäftigten wurde allmählich bewusst, dass hier ein wichtiger Kampf zu gewinnen war.
Was kann getan werden, um die Organisierung und aktivere Beteiligung von Frauen in der Gewerkschaft zu fördern?
Informations- und Fortbildungsveranstaltungen während der Arbeitszeit sind ungeheuer wichtig. In Spanien finden Schulungen immer außerhalb der Arbeitszeiten statt, weshalb nur Männer daran teilnehmen. Meiner Meinung nach sind Information, Weiterbildung während der Arbeitszeit und Qualifizierung sehr wesentlich.
Karina Benemérito, Unión Ferroviaria (Argentinien)
Welche Gleichstellungsprobleme gibt es bei den argentinischen Bahnen?
Im Hinblick auf Bezahlung und Beschäftigungsbedingungen herrscht bei uns Chancengleichheit. Die argentinischen Bahnen sind jedoch in unterschiedliche Bereiche untergliedert, wovon einige nur Männern offenstehen. Es ist extrem schwierig, Frauen zu Bereichen Zugang zu verschaffen, die bis dahin vollkommen in männlicher Hand waren.
Zu welchen Bereichen finden Frauen besonders schwer Zugang?
Zum operativen Bereich, nicht nur wegen der Fahrpläne – normalerweise wird verlangt, auch nachts zu arbeiten – sondern wegen der Art der Tätigkeit. Diese Stellen werden nur mit Männern besetzt. Es ist schwer, Frauen in einen Bereich einzugliedern, wo bisher nur Männer arbeiteten. Diese Arbeitsplätze müssen an die Bedürfnisse von Frauen angepasst werden. Das gilt auch für die Arbeitsatmosphäre und die Behandlung, insbesondere was Diskriminierung betrifft. Hier bemühen wir uns um Fortschritte.
Hat sich die Situation verbessert?
Allmählich verbessert sie sich. Als ich 1994/95 bei Roca anfing, saßen Frauen vorwiegend im Verwaltungsbereich, z. B. im Fahrkartenverkauf. Heute gibt es auch in einigen operativen Bereichen weibliche Beschäftigte, z. B. als Fahrkartenkontrolleurinnen in den Zügen. Sie können dann später zu Zugleiterinnen aufsteigen.
Hat die Gewerkschaft zu diesen Veränderungen beigetragen?
Ja, und wir arbeiten noch immer intensiv daran. Ein wichtiger Teil der Tätigkeit zu Gender- und Gleichstellungsfragen läuft in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretariat für Frauen (SGT). Wir bemühen uns, im Hinblick auf das Problem Diskriminierung und Gewalt weiterzukommen.
Wie viele weibliche Mitglieder hat eure Gewerkschaft?
Im Jahr 2006 waren es 100, ein Jahr darauf 300. Insgesamt sind bei der Eisenbahn 800 bis 900 Frauen beschäftigt. Im Zeitraum 2002/03 wurde das Gesetz zur Einführung einer Frauenquote ("Ley de Cupo Femenino") verabschiedet. Danach müssen Belegschaften zu mindestens 33 Prozent aus Frauen bestehen. Aktuell liegt diese Quote unter acht Prozent. Bei Roca gibt es 50 Gewerkschaftsbeauftragte, nur vier davon sind Frauen. Wir versuchen, die 33 Prozent-Quote zu erreichen, da viele Frauen bereit sind, sich aktiv einzubringen.
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Was können die der ITF angeschlossenen Gewerkschaften tun?
Gewerkschaften haben eine zentrale Rolle bei der Bewältigung der negativen Auswirkungen der Globalisierung. Dabei muss die Förderung der Geschlechtergleichstellung ein wesentlicher Faktor sein. Die Delegierten der ITF-Konferenz im Dezember verabschiedeten mehrere Maßnahmenvorschläge, die die in den Konferenzdiskussionen aufgeworfenen Probleme angehen und dazu mehrere "Instrumente" benennen.
- Durch Forschung, Informationen und Diskussionen können die Gewerkschaften Geschlechterstereotypen und die in weiten Bereichen des Bahnsektors herrschende traditionelle Macho-Kultur überwinden.
- Eine effektive Gewerkschaftspolitik und Kollektivverhandlungen zur Forderung und Aushandlung verbesserter Arbeitspraktiken und zur Förderung weiblicher Führungskräfte in den Gewerkschaften sind von entscheidender Bedeutung. Frauen müssen in den Kollektivverhandlungsteams vertreten sein.
- Bildungsaktivitäten und bewusstseinsbildende Maßnahmen sind insbesondere für junge Frauen essenziell, um sie auf die in unterschiedlichen Berufszweigen bestehenden Beschäftigungschancen bei den Bahnen aufmerksam zu machen und ihnen größere Mitwirkungsmöglichkeiten innerhalb der Gewerkschaft zu eröffnen.
- Die Beteiligung an ITF-Kampagnen wie dem Internationalen Frauentag am 8. März und dem internationalen ITF-Aktionstag der Bahnbeschäftigten am 28. April 2009 bietet Gewerkschaften eine Chance, auf ihre Anliegen hinzuweisen und weibliche Beschäftigte in Gewerkschaftsaktivitäten einzubeziehen.
- Auch die gewerkschaftliche Organisierung von Beschäftigten, insbesondere in nicht-traditionellen Arbeitsbereichen des Bahnsektors, muss ein Schwerpunkt sein.
Claire Clarke ist Sektionsassistentin der ITF-Binnenverkehrssektionen.