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Page context: Home > Transport International Magazine > Nr. 29 / Oktober 2007 > Mansour Osanloo – Freiheit wird kommen!
DER IRANISCHE SPITZENGEWERKSCHAFTER MANSOUR OSANLOO (FOTO LINKS) WIRD AUFGRUND SEINES EINSATZES FÜR EINE UNABHÄNGIGE GEWERKSCHAFT UND EXISTENZDECKENDE LÖHNE FÜR DAS BUSPERSONAL IM IRAN UNERBITTLICH VERFOLGT. WIE ER IN EINEM INTERVIEW MIT TRANSPORT INTERNATIONAL KURZ VOR SEINER JÜNGSTEN FESTNAHME ERKLÄRTE, SIEHT ER SICH DENNOCH NICHT ALS REGIERUNGSFEIND UND ERKENNT HOFFNUNGSZEICHEN FÜR DIE RECHTE UND FREIHEITEN DER ARBEITNEHMER/INNEN IM IRAN.
Hattest du damit gerechnet, sicher aus dem Iran nach London ausreisen zu können?
Ich war sehr überrascht. Bis zum Abheben des Flugzeugs rechnete ich damit, dass sie kommen und mich abholen würden. Dann endlich wusste ich, dass mir nichts passieren würde. Meine Familie und ein Kollege hatten mich zum Flughafen begleitet. Bis ich an Bord ging, riefen sie mich immer wieder an, um zu hören, ob ich in Sicherheit war.
Aus welchem Grund hat die Regierung dir deiner Meinung nach erlaubt, das Land zu verlassen?
Erstens hat die Regierung nach meiner ersten Haft und 200 Stunden Verhör wohl erkannt, dass ich kein Regierungsfeind bin. Der zweite Grund ist vermutlich die massive Unterstützung, die mir von meinen Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen zuteil wurde, an ihrem Einsatz für meine Freiheit.
Ein dritter Grund mag in der internationalen Unterstützung liegen, von der ITF bis hin zum Internationalen Gewerkschaftsbund. Es gab zahlreiche Aktionen und die iranische Regierung erhielt eine Flut von Briefen.
Ein weiterer Grund sind wahrscheinlich die Medien, einschließlich Internet, Satellitenfernsehen und all die ausländischen Zeitschriften. Meine Familie hat zudem ungezählte Anrufe von Menschen erhalten, die mich unterstützen.
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Am 10. Juli um etwa 19.00 Uhr wurde Mansour Osanloo, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Beschäftigten beim Teheraner Busunternehmen Sherkat-e Vahed, in Teheran von Unbekannten aus einem Bus gezerrt, zusammengeschlagen und in ein Auto gedrängt. Nur zwei Wochen zuvor war er von einer Europareise zurückgekehrt, wo er vor internationalen Sitzungen der ITF und des Internationalen Gewerkschaftsbunds (IGB) gesprochen hatte. Später stellte sich heraus, dass Osanloo, der bereits mehrfach für sein gewerkschaftliches Engagement angegriffen und verhaftet worden war, im Evin-Gefängnis festgehalten wurde – zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren. Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser Ausgabe von Transport International befand er sich noch immer in Haft. Direkt nach dem Bekanntwerden von Osanloos Entführung, die von Regierung und Polizei anfangs abgestritten wurde, startete eine weltweite Gewerkschaftskampagne für seine Freilassung. Die ITF organisierte eine Online-Petition, angeschlossene Gewerkschaften aus aller Welt schickten Protestschreiben an den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, und ITF und IGB riefen die Gewerkschaften weltweit zur Unterstützung eines Aktionstags am 9. August auf. Dieser Aktionstag fiel genau auf den Jahrestag der Freilassung Osanloos aus seiner letzten Haft, die acht Monate gedauert hatte. Er diente dem Protest gegen die erneute Festnahme Osanloos und gegen die Inhaftierung des Gewerkschaftsvorsitzenden Mahmoud Salehis in Sanandaj in der Provinz Kurdistan, Mitbegründer der Vereinigung der Bäckereiarbeiter/innen in Saquez sowie des Koordinierungsausschusses zur Gründung von Arbeitnehmerorganisationen. Im Rahmen des Aktionstags, der in 34 Ländern (von Algerien über Russland bis hin zum Jemen) organisiert wurde, veranstalteten die Gewerkschaften Kundgebungen und Mahnwachen vor den iranischen Botschaften und versuchten, Petitionen zu übergeben. Am Morgen des Aktionstags wurden fünf weitere Gewerkschaftsmitglieder, die dem Vorstand von Osanloos Gewerkschaft angehörten, festgenommen. Zudem hinderten Sicherheitskräfte eine Gruppe von Unterstützer/innen daran, sich vor dem Haus Osanloos in Teheran zu versammeln. Während seines Aufenthalts in Europa schilderte Osanloo auf einer Sitzung der ITF-Sektion Straßentransport in London (Großbritannien) den Delegierten, mit welchen Repressalien gegen die Mitglieder der Gewerkschaft des Teheraner Busfahrpersonals, die ebenfalls der ITF angeschlossen ist, vorgegangen wird, trotz ihres verfassungsmäßig anerkannten Rechts auf Mitgliedschaft in einer unabhängigen Gewerkschaft. Zudem gab er Transport International ein Interview, das hier veröffentlicht wird. Weitere Informationen über die Kampagne zur Freilassung Osanloos und zum Schutz der Rechte von Gewerkschaftsmitgliedern im Iran findet ihr auf unserer Kampagnen-Webseite im Internet unter www.freeosanloo.org |
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Wir befinden uns gerade in einer äußerst heiklen Phase. Viele Dinge in unserem Land sind dabei, sich zu verändern. Wir erleben zwei verschiedene Regierungsformen gleichzeitig: Diktatur und Demokratie. Zudem vollzieht sich in der iranischen Gesellschaft derzeit ein kultureller Wandel.
Unsere Gesellschaft ist sehr komplex – es sind immer noch Relikte eines feudalen Wirtschaftssystems zu erkennen, das auf eine Zeit zurückgeht, die etwa 300 bis 400 Jahre zurückliegt. Obwohl sich die Dinge wandeln, und Funk und Fernsehen die Gesellschaft verändern, gibt es noch immer Bauern, die leben wie zu jener Zeit.
Wie kam es zur Reformbewegung für eine unabhängige Gewerkschaft?
Alle Gewerkschaftsorganisationen wurden im Laufe des Krieges von 1980 - 1988 verboten, und zahlreiche Gewerkschaftsmitglieder wurden von der Polizei aufgegriffen, kamen ins Gefängnis oder befanden sich auf der Flucht.
Ab 1990 trat das neue Arbeitsgesetz in Kraft. Die Islamistenführer waren grundsätzlich gegen Zusammenschlüsse der Beschäftigten und, was noch gravierender war, gegen jegliche Art von Wahlen in den Betrieben. Außerdem wollten sie die Regierung und sogar die Geheimdienste unterstützen. In dieser Zeit versuchten sie, alle stattfindenden Betriebswahlen zu manipulieren.
Sie verursachten große Unzufriedenheit, zudem sahen sich die Beschäftigten von ihnen nicht vertreten. Das gab uns die Gelegenheit, unsere eigenen Ideen genau unter die Lupe zu nehmen.
Einige meiner Freunde und ich kannten viele der "alten Gewerkschafter", und mit ihnen führten wir ausgiebige Diskussionen über eine Reformierung der Gewerkschaften im Iran.
Wir wollten uns unsere eigenen Erfahrungen zunutze machen. Wir studierten die grundlegenden Gewerkschaftsrechte und versuchten, den Beschäftigten diese Themen nahe zu bringen. Wir gingen von einem Bus zum nächsten, sprachen mit dem Fahrpersonal, und setzten uns für Ruheeinrichtungen ein. Wir sammelten Ideen und Vorschläge, um die Situation unserer Kolleginnen und Kollegen zu verbessern. Wir überlegten, was die vorhergehende Generation bewirkt hatte, was sie getan und welche Erfahrungen sie gemacht hatte, und wie wir diese Erfahrungen für unsere eigene Gewerkschaft wieder aufgreifen könnten.
Wir machten uns daran, eine neue Zeitschrift herauszugeben. Wir suchten alle Cafés auf und sprachen mit allen Fahrern, die im Stadtgebiet von Teheran unterwegs waren. Das alles war vor sechs Jahren.
Unsere Lage war weitgehend bekannt. Am Ende der Amtszeit des vorherigen Präsidenten Khatami beschlossen wir, dass es an der Zeit sei, uns gewerkschaftlich zu organisieren. Im Jahre 2005, nachdem Ahmadinedschad an die Macht kam, zeigten wir erstmals unsere Unzufriedenheit mit der Situation.
Unter anderem organisierten wir eine Protestaktion, bei der das Fahrpersonal mit eingeschalteten Scheinwerfern an ihren Bussen durch die Stadt fuhr, um gegen das Scheitern so genannter Beschäftigtenorganisationen beim Busunternehmen und gegen betriebliche Anliegen zu protestieren, z. B. niedrige Bezahlung und lange Arbeitszeiten, den Einsatz veralteter Busse, durch starke Verkehrsüberlastung verursachte Übermüdung des Fahrpersonals, Personalabbau und eine korrupte Geschäftsleitung.
Am Tag meiner ersten Verhaftung versuchte der Teheraner Sicherheitschef gerade, uns an den Verhandlungstisch zu bringen. Damals liefen Gespräche, bei denen uns die Unternehmensleitung zahlreiche Versprechen machte, die sie aber nicht einhielt. Ich selbst wurde von August bis Dezember 2005 immer wieder verhaftet.
Bei jedem Gerichtstermin kamen die Richter nach Prüfung meines Falls zu dem Urteil, dass ich zu Unrecht festgehalten wurde, und sprachen mich frei. So ging es weiter bis Dezember dieses Jahres (als Osanloo verhaftet wurde und insgesamt acht Monate im Gefängnis verbrachte).
Wie hast du es geschafft, durchzuhalten, trotz der Angst, die du häufig gehabt haben musst?
Es gibt keine andere Wahl. Wir sind der Meinung, dass es besser ist zu sterben, als so zu leben.
Unter welchen Bedingungen arbeitet das Busfahrpersonal in Teheran?
Das Mindestgehalt für das Busfahrpersonal in Teheran beträgt an die 100 US-Dollar. Mit allen Zulagen kommen wir auf etwa 150 US-Dollar. Die Armutsgrenze liegt bei 400 US-Dollar im Monat. Selbst nach Regierungsstatistiken sollte der Mindestlohn bei 300 US-Dollar monatlich liegen.
Gleichzeitig sind die Beschäftigungsbedingungen sehr schwierig. Die Luftverschmutzung ist sehr schlimm. Einige Busdienste wurden privatisiert, mit der Folge, dass die Beschäftigten im Wettbewerb gegen diese Busse bestehen müssen. Ein weiteres Problem liegt darin, dass sie mehrere verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig ausüben: sie sind Fahrer, Assistent und Fahrkartenkontrolleur in einem. Das wird noch zusätzlich erschwert durch die Aufteilung der Busse in jeweils eine Abteilung für Männer und Frauen. Dadurch entsteht für uns eine sehr schwierige Arbeitssituation.
Seit den Arbeitskampfmaßnahmen im Januar 2006, die eine Verhaftungs- und Entlassungswelle nach sich zogen, wurden 43 Beschäftigte entlassen. Für sechs von ihnen läuft gerade ein Schlichtungsverfahren, vier weitere haben ein Schreiben erhalten, dass sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können.
Hat die Gewerkschaft weibliche Mitglieder und fördert deren Mitgliedschaft?
Unsere Gewerkschaft hatte 200 weibliche Mitglieder, und wir setzten uns dafür ein, dass ihnen für die Kindererziehung zusätzlich 40 US-Dollar im Monat ausgezahlt werden. Nach den Massenverhaftungen ging ihre Mitgliedschaft jedoch zurück.
Die Ehefrauen unserer Mitglieder sind jedoch sehr aktiv. Sie kommen zu den Mitgliederversammlungen, sie hören zu und sie haben das Recht, ihre Meinung zu äußern. Zum Internationalen Frauentag am 8. März gaben wir eine Presseerklärung heraus und organisierten eine Veranstaltung.
Darf die Gewerkschaft ihre 7.000 Mitglieder auf normale Weise vertreten?
Die Aussage, dass wir 7.000 Mitglieder haben, ist so nicht korrekt, da wir noch keine allgemeine freie Mitgliedschaft haben. Wir sind ein Sprachrohr für die Beschäftigten. Wir vertreten ihre Probleme, und sie stehen hinter uns. Würden aber normale und freie Bedingungen herrschen, würden meiner Meinung nach sicher 70 bis 80 Prozent der insgesamt 15.000 Beschäftigten wünschen, dass wir sie vertreten.
Zu unserer ersten allgemeinen Mitgliederversammlung, die auf der Straße stattfand, kamen Tausende von Beschäftigten. Sie flohen sogar vor der Polizei und versteckten sich in den Gassen, um an der Versammlung teilnehmen zu können. Sie wussten, dass sie ihre Gehaltserhöhung von 50 US-Dollar im Monat unserem Einsatz zu verdanken hatten, und dass wir die Bereitstellung von Arbeitskleidung durchgesetzt hatten. Die Kleider, die ich gerade trage, habe ich von meinem Arbeitgeber erhalten.
Am wichtigsten war uns das Ziel, befristete Beschäftigungsverträge in unbefristete umzuwandeln. Zumindest konnten wir jetzt Zweijahresverträge für diese Beschäftigten durchsetzen.
Denkst du, dass das Teheraner Busfahrpersonal schließlich seine freie, unabhängige Gewerkschaft bekommt?
Ich bin fest davon überzeugt.
Was muss aber innerhalb und außerhalb des Irans geschehen, damit dieses Ziel Wirklichkeit wird?
Meiner Meinung nach ist die andauernde internationale Unterstützung unseres Einsatzes ganz wesentlich. Die Menschen müssen wissen, dass unsere Regierung den Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) angehört. Das ist für uns überaus wichtig. Überall, wo wir hingehen, bringen wir die IAO-Übereinkommen 87 (über die Vereinigungsfreiheit) und 98 (über das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung und Kollektivverhandlungen) zur Sprache.
Aber das hat seinen Preis. Im Iran beobachten die Menschen die Situation sehr misstrauisch, weil sie schon so viele Lügen gehört haben. Wir versuchen aber, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich glaube, dass wir dabei schon Fortschritte erzielt haben und hoffe, dass wir in dieser Richtung noch weiter vorankommen.
Welche politischen Einflüsse herrschen im Lande?
Die Situation, in der wir uns befinden, ist sehr vielschichtig. Die meisten Menschen in einflussreichen Positionen haben einen militärischen Hintergrund und sind sehr konservativ, aber es gibt unterschiedliche Strömungen. Wir kämpfen im Land für unsere Rechte. In wenigen Monaten werden Parlamentswahlen stattfinden.
Die unterschiedlichen Strömungen haben unterschiedliche Interessen und bedienen sich unterschiedlicher Medien, von denen einige unsere Arbeit befürworten. So unterstützen zum Beispiel die Zeitungen Ettela’at, Ham-Mihan und Shargh, von denen jede eine andere Teilströmung innerhalb der iranischen Regierung vertritt, unsere Anliegen. Wir hoffen, dass das Zusammenwirken all dieser Aspekte uns zu einer unabhängigen und freien Gewerkschaft verhelfen wird.
Zurzeit gibt es im Iran eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppierungen – die Bewegung der Studierenden, der Frauen und der Beschäftigten –, die eigene Schulungs- und Bildungsmaßnahmen durchführen. Sie versuchen direkt und indirekt solidarisch zusammenzuarbeiten.
Das Interview führte Kay Parris.
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Issue 29 - October 2007
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