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Die wirtschaftliche Seite von HIV/Aids

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Page context: Home / Startseite > Magazin 'Transport International' > Issue 18 January 2005 > Economics of HIV


Die HIV/Aids-Problematik, eine Heimsuchung für die Verkehrswirtschaft vieler Länder, wird durch neoliberale Politik noch verschärft, meint Kemal Ülker

An der 15. Internationalen Aids-Konferenz, die im Juli 2004 in Bangkok (Thailand) stattfand, nahmen mehr als 17.000 Delegierte aus verschiedenen Weltregionen teil, darunter Vertreter/innen aus Wissenschaft, Gesundheitsforschung und Politik sowie zivilgesellschaftlicher Gruppen. Das vielsagende Motto "Access for All" ("Zugang für alle") nahm Bezug auf eine Welt, in der nur sieben Prozent derer, die auf HIV-Medikamente angewiesen sind, um die nächsten beiden Jahre zu überleben, sie auch bekommen.

Die auf der Konferenz vorgelegten Berichte der Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) bestätigten einmal mehr das Ausmaß einer menschlichen Katastrophe, deren Ende nicht in Sicht ist.

Der IAO-Bericht "HIV/AIDS and Work: Global estimates, Impact and Response 2004"(HIV/Aids und Beschäftigung: globale Schätzungen, Auswirkungen und Reaktionen 2004) widmet sich erwartungsgemäß in erster Linie der Situation der Beschäftigten. Demnach gehen 36,5 der insgesamt 38 Millionen HIV-Positiven "irgendeiner Form von Erwerbstätigkeit nach".

Der Bericht betont, wie hoch das Risiko einer HIV-Infektion für Verkehrsbeschäftigte ist, was von den Verkehrsgewerkschaften sehr wohl erkannt wird:

"Für Verkehrsbeschäftigte, die größtenteils über längere Zeiträume von zuhause und ihren Familien entfernt sind – wie z. B. Lkw-Fahrer/innen, Zugpersonal, Flugzeugbesatzungen und Seeleute – besteht durch sexuelle Kontakte mit Gelegenheitspartner/innen ein überdurchschnittlich hohes Ansteckungsrisiko, dem in der Folge auch die Menschen in ihrem persönlichen Umfeld zuhause ausgesetzt sind. In gleichem Maße ist die Bevölkerung, die entlang von Überlandstraßen oder in der Nähe wichtiger Verkehrsknotenpunkte (z. B. Großbahnhöfe oder Häfen) wohnt, von einer Infektion bedroht."

HIV/Aids: der weite Radius des Verkehrssektors

"Die Zahl von etwa 100.000 Verkehrsbeschäftigten (in Simbabwe) mag bei landesweit insgesamt sieben Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter gering erscheinen. Dennoch bestätigen die Ergebnisse einer Untersuchung auf nationaler Ebene, dass in dem Sektor aufgrund des großen Aktionsradius von Verkehrsbetrieben besondere Gefahren auftreten, was auch mit dem risikobehafteten Verhalten unter den Arbeitnehmer/innen zusammenhängt.

So berichteten über 25 Prozent der männlichen Luftverkehrsbeschäftigten, im vergangenen Jahr wechselnde Sexualpartner/innen gehabt zu haben, mehr als einer von zehn der verheirateten Beschäftigten gaben an, zuletzt außereheliche Sexualkontakte gehabt zu haben, und fast ein Drittel gab an, über Geschlechtsverkehr infiziert worden zu sein."

- Auszug aus dem IAO-Programm HIV/Aids in der Arbeitswelt, vorgelegt auf der 15. Internationalen Aids-Konferenz, Juli 2004, Bangkok (Thailand)



Die ITF und viele der ihr angeschlossenen Gewerkschaften tragen dieser Tatsache bereits Rechnung und setzen sich mit HIV/Aids als betrieblichem Anliegen auseinander. Einige Verkehrsgewerkschaften haben in ihren Kollektivverträgen jetzt Klauseln verankert, die die Bereiche Schulungsmaßnahmen in so genannten Peer-Gruppen, Prävention, Nichtdiskriminierung, medizinische Behandlung und ärztliche Versorgung abdecken. Die Gewerkschaften müssen ihre Arbeit in diesen Bereichen unbedingt fortsetzen, um die Arbeitnehmer/innen über das Ansteckungsrisiko aufzuklären – über das in vielen Ländern der Welt noch immer große Unkenntnis herrscht – sowie von HIV/Aids betroffenen Verkehrsbeschäftigten ein größtmögliches Maß an finanzieller Sicherheit, medizinischer Behandlung und Versorgung zu ermöglichen.

Die Gewerkschaften müssen außerdem erkennen, dass HIV/Aids keine bloße Naturkatastrophe ist, sondern im Wesentlichen denselben soziopolitischen Kräften unterliegt, die sich auf unsere gewerkschaftliche Kampagnenarbeit in anderen Bereichen auswirken. Dann können wir beginnen, die HIV/Aids-Thematik in unsere Kampagnenarbeit einzubinden, zum Beispiel, wenn es um die negativen Auswirkungen der Liberalisierung auf die Beschäftigungsbedingungen geht.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat vor kurzem die Tatenlosigkeit der führenden Regierungschefs weltweit im Hinblick auf die Epidemie scharf kritisiert: "Es ist viel die Rede von Massenvernichtungswaffen, es ist viel die Rede von Terrorismus. Massenvernichtungswaffen ängstigen uns wegen ihres Potenzials, Tausende von Menschen zu töten. Hier geht es um eine Epidemie, die Millionen von Menschen das Leben kostet. Und was geschieht?"

Scheinbemühungen

Internationale Institutionen und Regierungen sind sich darüber bewusst, bislang nicht entschieden genug gegen die Pandemie vorgegangen zu sein. Im Dezember 2003 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Initiative, drei Millionen Menschen in ärmeren Ländern bis Ende 2005 mit Anti-Aids-Medikamenten zu versorgen. Offenbar wird jedoch sogar dieses bescheidene Ziel, mittlerweile unter dem Namen "Drei bis Fünf"-Strategie bekannt, nicht erreicht werden.

Dr. Jim Yong Kim, der für HIV/AIDS zuständige Direktor bei der WHO, erklärte: "Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber zu langsam." Bei dem derzeitigen Tempo könnte das Ziel frühestens 2009 erreicht werden. Bis dahin werden noch viele Millionen Menschen infiziert bzw. an den Folgen von HIV/Aids gestorben sein.

Im Jahr 2003 starben weltweit fast 3 Millionen Menschen an Aids, weitere 5 Millionen infizierten sich neu. Die Epidemie ist extrem dynamisch und hat mittlerweile auch andere Teile der Welt erfasst. Zwei von drei Neuinfektionen treten in Sub-Sahara-Afrika auf, jedoch steigt die Zahl der Fälle in China, Indien, Indonesien und Russland dramatisch.

Bei dem geringen Interesse, das die Medien der Krise entgegenbringen, könnte bei vielen Menschen der Eindruck entstehen, Zeugen einer Art von Naturkatastrophe zu sein, als ob die Übertragung des Virus ein Zufallsereignis sei. In Wirklichkeit ist die Ausbreitung von HIV/Aids natürlich entscheidend durch soziale, wirtschaftliche und politische Faktoren beeinflusst, für die dringender Handlungsbedarf besteht. Wie Kofi Annan einst hervorhob: "Aids ist weit mehr als eine Gesundheitskrise."

Der Armutsfaktor

"Zwischen Armut und HIV/Aids besteht eine enge wechselseitige Beziehung... Armut ist einer der Faktoren, die Menschen zu risikoreichen Verhaltensmustern zwingt, die ihre Anfälligkeit für eine HIV-Infektion erhöhen. Menschen, insbesondere Frauen und junge Mädchen, verkaufen ihren Körper, um in extremen Armutsverhältnissen überleben zu können – aufgrund von Konkurrenzdruck haben sie oft ungeschützte sexuelle Kontakte. Für Nahrung, Geld, Schulgebühren und andere für sie selbst oder ihre Familien lebenswichtige Dinge setzen sich somit dem Risiko einer Ansteckung mit dem Virus aus...

[if !supportEmptyParas]HIV/Aids verschlimmert die Armut noch. Die ohnehin schon begrenzten Haushaltsmittel schwinden, wenn erkrankte Beschäftigte ihre Arbeit verlieren und das zur Verfügung stehende Geld für Medikamente und ärztliche Versorgung kranker Familienmitglieder aufgewandt werden muss. Für den Aufschwung und Wiederaufbau unabdingbare Ersparnisse und Kapitalmittel werden aufgezehrt, und die vorhandenen Ressourcen für die lebensnotwendigsten Dinge statt für Investitionen ausgegeben." [endif]

- UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), "The Least Developed Countries Report" (Bericht über die am wenigsten entwickelten Länder), S. 39 - 40



Neoliberale Politik und globale Gesundheit

Der Zusammenhang zwischen der Aids-Epidemie und der in den Ländern mit den höchsten Infektionsraten vorherrschenden extremen Armut liegt auf der Hand. In Sambia und Malawi, in denen fast 30 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert sind, wird beispielsweise wesentlich mehr Geld zur Schuldentilgung bei ausländischen Gläubigern aufgewandt als für wichtige Gesundheitsdienste.

In Anbetracht dieser harten Realität resultiert die Mischung aus Verzweiflung und dem Dogma des freien Marktes im zynischen Impuls, Geld zu machen, koste es, was es wolle. Ein Bericht der UN-Weltgesundheitsorganisation mit dem Titel "Changing History" belegt, wie sich das Denken einflussreicher Ökonomen geändert hat. Der Bericht bezieht sich auf einen Ansatz, der sich nicht nur als wirtschaftlich ineffizient erwiesen hat, sondern auch jeglicher Moral und humanitärer Gesinnung entbehrt.

"Frühere Untersuchungen gingen fälschlicherweise davon aus, dass die Auswirkungen von Epidemien denen ähnlich sind, die durch einmalige Erschütterungen wie Naturkatastrophen oder internationalen wirtschaftlichen Abschwung verursacht werden, die viele Volkswirtschaften verkraften können und die sich planerischer Kontrolle entziehen. Viele Prognosen gründeten sich auch auf die Überlegung, dass die am schwersten betroffenen Länder in Afrika einen Überschuss an Arbeitskräften hatten und leiteten ab, dass ein Rückgang der arbeitenden Bevölkerung zu einer effizienteren Nutzung von Land und Kapital führen könnte.

Man glaubte, dass das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt sich effektiv erhöhen würde, wenn das Bruttoinlandsprodukt insgesamt weniger sinke als die Bevölkerungszahl. Ähnlich ging man davon aus, dass die Vernichtung der erwerbstätigen Bevölkerung und die damit einhergehende Reduzierung des Arbeitskräfteangebots infolge von HIV/Aids die Produktivität jedes verbleibenden Beschäftigten erhöhen könne, da allen mehr Land und Kapital zur Verfügung stünde. Diese falschen Überlegungen und Annahmen führten dazu, dass es auf nationaler und internationaler Ebene weithin versäumt wurde, die Wirtschaftspolitik im Hinblick auf die HIV/Aids-Problematik neu auszurichten."
(Weltgesundheitsorganisation (WHO), Weltgesundheitsbericht 2004 "Changing History", S. 10)

Die Folgen der Tatenlosigkeit

Obwohl es Mittel zum Schutz vor HIV/Aids gibt, breitet sich die Epidemie weitgehend ungehindert aus. Laut Informationen der WHO können "Schätzungen zufolge fast zwei Drittel der für den Zeitraum 2002 bis 2010 vorhergesagten Neuinfektionen verhindert werden, wenn der Geltungsbereich der bestehenden HIV-Präventionsstrategien substanziell erweitert wird." ("Changing History", S. 11)

Seit der Entwicklung antiretroviraler Kombinationstherapien 1996 starben weltweit über 20 Millionen Menschen in Entwicklungsländern an Aids, obwohl für die meisten von ihnen eine Rettung möglich gewesen wäre.

Vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank auferlegte "strukturelle Anpassungsprogramme" stürzen viele arme Länder mit einer Schuldenlast von Millionen und Abermillionen Dollar in die Katastrophe. In vielen dieser Länder verschlingt die Schuldentilgung einen größeren Anteil des Haushalts als öffentliche Gesundheitsfürsorge und Bildung. Etatkürzungen im Bildungs- und Gesundheitswesen führen desweiteren dazu, dass die Menschen über grundlegende Gesundheitsaspekte nicht informiert sind und leichte Krankheiten nicht behandelt werden, was sie wiederum im Hinblick auf eine HIV-Infektion anfälliger macht.

Zunehmende soziale Ungleichheit erhöht das HIV/Aids-Risiko für die arbeitende Bevölkerung. Dieser Zusammenhang wird durch einige wichtige statistische Untersuchungen verdeutlicht: das häufigere Auftreten von Ernährungsmängeln und eine ungleiche Einkommensverteilung stehen in deutlichem Zusammenhang mit einer hohen HIV-Übertragungsrate.

Herausforderung für die Gewerkschaftsbewegung

Die globalen Gewerkschaftsverbände, darunter die ITF, haben den Kampf gegen HIV/Aids zur Priorität erklärt. Aber die Gewerkschaftsbewegung sollte ihren Einsatz nicht allein auf Information, Prävention, Kampagnen zur Durchsetzung von Rechten sowie die Aufnahme von Schutzklauseln in Kollektivverträge konzentrieren, mögen diese Aspekte auch noch so wichtig sein.

Gewerkschaften sollten den Kampf gegen HIV/Aids als globales Konzept mit dem Einsatz gegen neoliberale Politik und die negativen Auswirkungen der Globalisierung für die Beschäftigten verbinden. Die Gewerkschaftsbewegung kann die Auseinandersetzung mit HIV/Aids nicht isoliert von Neoliberalismus und Globalisierung führen. Die ITF und ihre Mitgliedsgewerkschaften müssen sich dieser Herausforderung stellen.

Am Beispiel Thailands wird deutlich, wie untrennbar sozio-ökonomische Aspekte und Gesundheitsfragen mit der Thematik verbunden sind. Hier stieg die HIV-Infektionsrate Anfang der 1990er Jahre schlagartig an, ging aber innerhalb von zehn Jahren drastisch zurück, nachdem Nicht-Regierungsorganisationen die Regierungen dazu zwangen, Maßnahmen zu ergreifen, um eine Verhaltensänderung herbeizuführen. Leider wird derzeit ein Wiederaufflammen von HIV/Aids befürchtet, nachdem die Regierungszuschüsse unter dem Druck der Auflagen von IWF und Weltbank gekürzt wurden. Laut einem UNAIDS-Bericht 2004 stagniert der Fortschritt in Thailand, und die Erfolgsgeschichte steht auf tönernen Füssen.

Die thailändischen Beschäftigten führen derzeit eine Kampagne gegen die Privatisierungspläne der Regierung hinsichtlich einer Reihe hochprofitabler staatlicher Unternehmen, die sich u. a. in den Bereichen Häfen, Flughäfen, öffentlicher Personennahverkehr, Wasserversorgung und Energieerzeugung betätigen. Seit Monaten protestieren die thailändischen Gewerkschaften, darunter auch ITF-Mitgliedsgewerkschaften, mit Großkundgebungen und Demonstrationen gegen diese Maßnahmen; dadurch wurde die Regierung vorübergehend zum Abbruch des Privatisierungsprozesses gezwungen. Die thailändischen Beschäftigten verbanden ihre Anti-Privatisierungskampagne erfolgreich mit anderen Forderungen, z. B. nach höheren Mindestlöhnen, mehr Einrichtungen zur Gesundheitsfürsorge und Kinderbetreuung, der Wahrung des Rechts auf gewerkschaftliche Mitgliedschaft und dem Schutz von Wanderarbeitnehmer/innen.

Die engen Zusammenhänge zwischen diesen Gewerkschaftsbestrebungen, dem Kampf gegen HIV/Aids und den Kürzungen bei Sozialprogrammen, der Deregulierung, Privatisierung sowie Liberalisierung des Arbeitsmarkts sind unschwer zu erkennen. Je mehr Gewerkschaften HIV/Aids zum Schwerpunkt ihrer Kampagnenarbeit machen, umso stärker werden unsere Kampagnen sein.

Kemal Ülker ist Koordinator für die HIV/Aids-Kampagne in der ITF-Abteilung Bildungsarbeit.


Nützliche Links:
Für den Inhalt externer Webseiten im Internet übernimmt die ITF keine Verantwortung.
ILO Code of Practice on HIV/AIDS and the World of Work


Weltgesundheitsorganisation (WHO)


UNAIDS
the website of the Joint United Nations Programme on HIV/AIDS

Siehe auch:
Was können Gewerkschaften tun? | HIV und Aids

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