Billigflaggen

Umgehung von Vorschriften durch Billigflaggen

Seeleute sind unverzichtbar. Sie reisen mit allem, was der Mensch so braucht, um die Welt, von Bananen über Öl, Gas und Baumaterialien bis hin zu Textilien, Getreide und tiefgekühltem Fleisch. Als Arbeitnehmer/innen sind sie außerdem praktisch unsichtbar. Was auf See passiert, entzieht sich fast immer den Blicken der Ordnungsbehörden, sodass sich skrupellose Reeder gefahrlos, ohne Angst vor Entdeckung, über die Rechte der Seeleute hinwegsetzen können.

Die ITF hat großen Einfluss auf die Bezahlung und Beschäftigungsbedingungen von Seeleuten auf Billigflaggenschiffen.

Was sind Billigflaggen?

Ein Billigflaggenschiff fährt unter der Flagge eines anderen Landes als des Landes der Eigentümerschaft. Für die auf solchen Schiffen tätigen Seeleute kann das bedeuten:

  • äußerst niedrige Bezahlung
  • schlechte Bedingungen an Bord
  • unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser
  • lange Arbeitszeiten ohne angemessene Ruhezeiten und daraus resultierend Stressbelastung und Übermüdung.

Die Motive, die Reeder zum "Ausflaggen" veranlassen, sind:

  • minimale Vorschriften
  • niedrige Registergebühren
  • niedrige Besteuerung oder Steuerfreiheit
  • die Möglichkeit, Arbeitskräfte zu niedrigen Kosten zu beschäftigen.

Nach Überzeugung der ITF sollte zwischen dem tatsächlichen Eigentümer eines Schiffes und der Flagge, unter der das Schiff fährt, eine "echte Verbindung" im Sinne des UN-Seerechtsübereinkommens (UNCLOS) bestehen. Billigflaggenregister machen es schwerer für Gewerkschaften, Branchenakteure und die Öffentlichkeit, Reeder zur Verantwortung zu ziehen.

Häufig werden diese Register noch nicht einmal von dem betreffenden Flaggenstaat geführt.

Die Globalisierung hat zu einer weiteren Beschleunigung dieses Abwärtstrends beigetragen. Der scharfe Wettbewerb auf dem Schifffahrtsmarkt, der die Reeder nach möglichst kostengünstigen Betriebsverfahren suchen lässt, veranlasst Billigflaggen dazu, mit niedrigeren Gebühren und einem minimalen Ordnungsrahmen für sich zu werben.

Probleme für Seeleute

Vertragsansprüche

Eine schwere Verletzung kann ein Leben ruinieren, der Tätigkeit in der Seeschifffahrt ein Ende setzen und eine Familie um ein regelmäßiges Einkommen bringen. Auf sich allein gestellt, haben Seeleute wenig Aussicht auf eine Entschädigung. Die ITF und die ihr angeschlossenen Gewerkschaften bringen diese Fälle vor Gericht, doch müssen häufig erst einmal komplexe Unternehmensstrukturen entwirrt werden, bevor festgestellt werden kann, wer die Verantwortung für das Schiff und seine Besatzung trägt.

Auszahlung von Heuern

Tagtäglich erfährt die ITF von Besatzungen, denen große Geldsummen geschuldet werden. Es gibt Besatzungen, die überhaupt nicht bezahlt werden. Besatzungsmitglieder, die ihre Heuern erhalten haben und das Geld nach Hause überweisen wollen, müssen gelegentlich feststellen, dass das Geld ihre Familien entweder gar nicht oder erst mit Verspätung erreicht, und zwar durch Verschulden der Arbeitgeber. Häufig vergehen Monate, ohne dass die Seeleute auch nur einen Cent der ihnen zugesagten Heuern zu sehen bekommen. Und ohne Bezahlung können sie sich noch nicht einmal davonmachen und auf eigene Faust nach Hause zurückkehren.

Einer der wichtigsten Aspekte der Tätigkeit der ITF-Inspektorinnen und -Inspektoren ist die Durchsetzung von Heuernachzahlungen für Seeleute. In der Zeit von 2011 bis 2013 konnte die ITF die Auszahlung von Geldern in Höhe von 103 Mio. US-Dollar an Besatzungsmitglieder bewirken, die auf ihre Heuern warteten – im Durchschnitt 34,4 Mio. US-Dollar im Jahr. Viele Billigflaggenschiffe fahren heute unter ITF-Verträgen, deren Bestimmungen mehr als 250.000 Seeleuten unmittelbaren Schutz bieten.

Anliegen Gehör verschaffen

Trotz all dieser Missstände sind Seeleute auf Billigflaggenschiffen zu verängstigt, um sich zu beschweren. Skrupellose Bemannungsagenturen veröffentlichen die Namen von Seeleuten, die sich bei den ITF-Inspektor/innen beklagen.

Es ist noch immer nicht ungewöhnlich, dass ein Schiffskapitän die Anmerkung "ITF-Störenfried" in ein Seefahrtbuch hineinschreibt. Für Seeleute kann ein solcher Eintrag in ihren Papieren bedeuten, dass sie nie wieder Arbeit finden. Es ist auch schon passiert, dass Seeleute bei ihrer Rückkehr in die Heimat im Gefängnis landeten. Und in dem Maße, in dem noch billigere Arbeitskräfte auf den Markt drängen – speziell aus China – kann mit einer weiteren Verschlechterung der Bedingungen und der Bezahlung gerechnet werden.

 

Die Rolle der ITF

Die ITF handelt Verträge mit internationalen Organisationen aus, z. B. Arbeitgeberverbänden und Bemannungsagenturen, um Mindestnormen und -bedingungen für ganze Gruppen von Seeleuten auszuhandeln.

Unsere auf dem ITF-Kongress im Jahr 2010 verabschiedete Politik von Mexico City verpflichtet die der ITF angeschlossenen Gewerkschaften dazu, Seeleuten eine angemessene gewerkschaftliche Vertretung und Schutz zu bieten. Gemeinsam streben sie den Abschluss von Kollektivverträgen für alle Seeleute an, unabhängig von ihrer Nationalität oder ihrem Herkunftsland.

  • Auf politischer Ebene:

bemühen wir uns um ein internationales Regierungsabkommen, das eine echte Verbindung zwischen der Flagge, unter der ein Schiff fährt, und der Nationalität oder dem Herkunftsland seiner Eigentümer, Verwalter und Besatzungen verlangt. Damit würde das Billigflaggensystem vollständig ausgelöscht.

  • Auf Branchenebene:

wollen wir erwirken, dass auf Billigflaggenschiffen beschäftigte Seeleute aller Nationalitäten vor Ausbeutung durch Schiffseigner geschützt sind.

Die Kampagne hat menschenwürdige Bezahlungs- und Beschäftigungsbedingungen an Bord von fast 11.500 Billigflaggenschiffen durchgesetzt. Die ITF ist zum Flaggenträger der Interessen ausgebeuteter und misshandelter Seeleute in aller Welt geworden, unabhängig von ihrer Staatszugehörigkeit oder Gewerkschaftsmitgliedschaft. Alljährlich treiben die ITF und die ihr angeschlossenen Gewerkschaften im Namen von Seeleuten, die niemand anders haben, an den sie sich wenden können, Heuernachzahlungen und Abfindungen für Unfälle mit Todesfolge oder Personenschäden in Millionenhöhe ein.

Von der ITF genehmigte Kollektivverträge

Von der ITF genehmigte Kollektivverträge schreiben die Bezahlung und Beschäftigungsbedingungen für alle Besatzungsmitglieder, gleich welcher Nationalität, an Bord von Billigflaggenschiffen fest. Alle Schiffe, die einem von der ITF genehmigten Vertrag unterstehen, erhalten ein Zertifikat, das bescheinigt, dass Heuern und Arbeitsbedingungen an Bord von der ITF gebilligt wurden.

Angesichts der Komplexität der Verträge für die Kreuz -und Offshore-Schifffahrt und der regionalen Unterschiede gibt es unterschiedliche Vertragsarten.

Inspektionen

Die Einhaltung der von der ITF genehmigten Verträge wird von einem Netzwerk von mehr als 150 ITF-Inspektorinnen und -Inspektoren in Häfen in aller Welt überwacht. Das ITF-Inspektor/innen-Team besteht aus hauptamtlichen Gewerkschaftsmitarbeiter/innen, die auf Voll- oder Teilzeitbasis unmittelbar für die ITF tätig sind.

Sie überprüfen die Auszahlung der Heuern sowie andere Sozial- und Beschäftigungsbedingungen und werden nötigenfalls tätig, um der ITF-Politik Geltung zu verschaffen.

Zusammenarbeit mit der Sektion Häfen

Im Fair-Practices-Ausschuss (FPC) sind sowohl Seeleute- als auch Hafengewerkschaften vertreten. Zwischen den FPC-Sitzungen, die alle zwei Jahre stattfinden, überwacht die gewählte Lenkungsgruppe des FPC die Routinearbeit im Rahmen der Kampagne und ihre Wirksamkeit.

Seeleute- und Hafengewerkschaften setzen sich gemeinsam für die Förderung sicherer und guter Arbeitsplätze für alle Hafenbeschäftigten ein. In vielen Ländern sind Hafenbeschäftigte mit den Folgen der Privatisierung konfrontiert: prekäre Beschäftigungsverhältnisse, mangelhafte Ausbildung und Verletzung der Vereinigungsfreiheit. Um diese Probleme in Angriff zu nehmen, wurde die Kampagne gegen Billighäfen initiiert.

Billigflaggenländer

Die folgenden Länder wurden vom ITF-Fair-Practices-Ausschuss, einem gemeinsamen Gremium der der ITF angeschlossenen Gewerkschaften der Seeleute und der Hafenbeschäftigten mit Zuständigkeit für die ITF-Billigflaggenkampagne, zu Billigflaggen erklärt:

  • Äquatorialguinea
  • Antigua & Barbuda
  • Bahamas
  • Barbados
  • Belize
  • Bermudas (Großbritannien)
  • Bolivien
  • Deutsches Internationales Schiffsregister (GIS)
  • Färöer-Inseln (FAS)
  • Französisches Internationales Schiffsregister (FIS)
  • Georgien
  • Gibraltar (Großbritannien)
  • Honduras
  • Jamaika
  • Kaimaninseln
  • Kambodscha
  • Komoren
  • Libanon
  • Liberia
  • Madeira
  • Malta
  • Marshallinseln (USA)
  • Mauritius
  • Moldawien
  • Mongolei
  • Myanmar
  • Niederländische Antillen
  • Nordkorea
  • Panama
  • Sao Tome & Príncipe
  • St. Vincent
  • Sri Lanka
  • Tonga
  • Vanuatu
  • Zypern

Dein Kontakt zu uns

Hilfe für Seeleute in Not

Kontakt zu ITF-Inspektor/innen

Falls du an Bord eines Schiffes oder in einem Hafen mit einem akuten Problem konfrontiert bist, kannst du dich direkt mit einer/m ITF-Inspektor/in oder dem ITF-Team zur Unterstützung von Seeleuten im Sekretariat in London (Großbritannien) unter seafsupport@itf.org.uk in Verbindung setzen.

 

Kommentare hinzufügen

Alle Kommentare