Für ein Mitspracherecht in der neuen Weltwirtschaft
ITF translations available: English, Deutsch
Google free translation: Italiano, Norske, Português, Türk, 中国的, 한국의, Bahasa Melayu, ภาษาไทย, हिंदी, اردو,
தமிழ், Kiswahili, Español, Français, Svenska, Русский, العربية
Wie erfolgreich waren die ITF und die ihr angeschlossenen Gewerkschaften? ITF-Generalsekretär David Cockroft geht auf die Herausforderungen der letzten vier Jahre ein und zieht Bilanz
Die Welt hat sich in den letzten vier Jahren seit dem ITF-Kongress in Neu-Delhi 1998 enorm verändert. Die einschneidendsten Ereignisse waren die Anschläge vom 11. September 2001, die alle Hoffnungen auf Frieden und Wohlstand zunichte gemacht haben.
In einem Atemzug mit der politischen Instabilität müssen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der rasch voranschreitenden Globalisierung genannt werden. Was 1998 noch ein kaum beachtetes Novum war, steht heute im Mittelpunkt des Interesses. Überall auf der Welt fühlen sich die Erwerbstätigen und ihre Familien von internationalen Entwicklungen bedroht, die jenseits ihres Einflusses liegen.
Der Globalisierungsprozess hat allerdings auch das Interesse der Gewerkschaften für internationale Fragestellungen verstärkt. Eine globale Wirtschaft müsste den Beschäftigten im Verkehrswesen eigentlich Vorteile bringen, doch nur wenige unserer Mitglieder sind froh über den gegenwärtigen Globalisierungstrend.
Die zum ITF-Kreis gehörenden Gewerkschaften stehen dem neuen Umfeld mit gemischten Gefühlen gegenüber. Unsere Mitglieder haben mit mehr Problemen denn je zu kämpfen. Sie entstehen durch Strukturänderungen, Privatisierungen, die Abschaffung der öffentlichen Dienste und den härteren Wettbewerb. All das geht meist mit sinkenden Löhnen und schlechteren Arbeitsbedingungen einher. Die meisten Gewerkschaften in der ITF verlieren Mitglieder und müssen mitansehen, wie die Gesetze und Tarifverträge, die die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer lange Zeit vor Willkür bewahrt haben, plötzlich in Frage gestellt werden.
Gleichzeitig erkennen die Gewerkschaftsmitglieder, wie wichtig internationale Solidarität ist. Die Beschäftigten sind sich heute sehr wohl des Einflusses von multinationalen Unternehmen, Geldgebern wie dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank und der Welthandelsorganisation bewusst. Langsam wird ihnen klar, dass man diesen Kräften auf nationaler Ebene nicht wirkungsvoll Paroli bieten kann. Deshalb nahmen am Weltsozialforum in Porto Alegre im Januar und Februar dieses Jahres auch Vertreter zahlreicher Gewerkschaften teil, darunter viele der ITF angeschlossene Organisationen.
Es deutet einiges darauf hin, dass die Stimmung in der Weltwirtschaft umschlägt und die Entscheidungsträger in den Führungsetagen der großen Unternehmen allmählich unruhig werden. Deshalb bemühte man sich um die Einbindung von Gewerkschaftsorganisationen wie der ITF in das Weltwirtschaftsforum „Davos in New York“. Und deshalb wird Initiativen wie dem vor drei Jahren von UN-Generalsekretär Kofi Annan gestarteten „Global-Compact“-Programm auch ein immer höherer Stellenwert eingeräumt. Die Multis erkennen, dass sie sich zunehmend den Zorn der Öffentlichkeit zuziehen, wenn sie sich um ihre soziale Verantwortung drücken.
Die Anschläge vom 11. September hatten nachhaltige Auswirkungen auf die Einstellung der Regierungen zu den Regulierungsmechanismen für den Verkehr und das Verhalten der Unternehmen. Seit 50 Jahren etwa fordert die ITF die obligatorische Offenlegung des tatsächlichen Eigentümers eines Schiffs – nun steht die Verabschiedung einer entsprechenden internationalen Regelung noch vor Jahresende in Aussicht. Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO), die Sozialbehörde der UN, reagierte zum ersten Mal rasch und beraumte eine große Dringlichkeitssitzung über die sozialen Auswirkungen der Krise in der Luftverkehrswirtschaft an, an der so gut wie alle wichtigen Staaten, Arbeitgeber und Gewerkschaften des Sektors teilnahmen. Die Sitzung hat Zeichen für ein stärkeres Engagement der IAO auch in anderen Sektoren gesetzt.
Die weltweite Gewerkschaftsbewegung beginnt enger als je zuvor zusammenzuarbeiten, was die Fortschritte in der so genannten Millenniumsdebatte beweisen. Die Initiatoren dieser Debatte waren der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG), also der Zusammenschluss der Gewerkschaftsdachverbände, und die Internationalen Berufssekretariate, die heute Globale Gewerkschaftsverbände genannt werden und zu denen auch die ITF zählt. Man ist in der Frage, wie die verschiedenen Zweige der Gewerkschaftsfamilie ihre Bemühungen besser koordinieren können, bereits ein Stück vorangekommen. Es deutet sogar einiges darauf hin, dass die ideologische Kluft, die die Gewerkschaftsbewegung über ein halbes Jahrhundert lang gespalten hat, nun vielleicht endlich überwunden wird.
Die Bemühungen der ITF, ihre angeschlossenen Organisationen an internationalen Kampagnen direkt zu beteiligen, erwiesen sich als wegweisend. Nicht zufällig gehörten die Verkehrsgewerkschaften zu den eifrigsten Mitwirkenden, als die Globalen Gewerkschaften einen Aktionstag zeitgleich mit der Eröffnung des WTO-Gipfels in Doha im November letzten Jahres durchführten.
Die ITF hat mit ihren Aktionstagen und -wochen den Gewerkschaftsmitgliedern bereits vor Augen geführt, wie wertvoll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit sein kann. Seit dem Kongress in Neu-Delhi im Jahr 1998 haben wir zahlreiche Kampagnen ausgerichtet. Das ITF-Schiff Global Mariner lockte bei seiner Weltumrundung in 86 Häfen und 51 Ländern über 750.000 Besucher an. Wir haben die Kampagnen „Übermüdung tötet“ im Straßentransport, „Sicherheit geht vor Profit“ im Bahnverkehrssektor, „Schluss mit Flugkoller“ in der Luftverkehrswirtschaft und „Abgelehnt: Gewerkschaftsfeindliche Maßnahmen“ in der Hafenwirtschaft gestartet. Stets beteiligten wir die Gewerkschaftsmitglieder direkt an den internationalen Aktionen – und sie waren mit Begeisterung und Einfallsreichtum dabei.
In den letzten Jahren konnte die ITF außerdem die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflussen, beispielsweise als ich die mancherorts verbreitete Korruptionspraxis in der Billigflaggen-Schifffahrt aufdeckte, indem ich ein panamaisches Befähigungszeugnis erstand, das mich zum Führen eines Schiffs berechtigt, obwohl ich keinerlei Ausbildung dafür habe. Wir veröffentlichten ferner gemeinsam mit anderen Organisationen Berichte, etwa mit Greenpeace über die skandalöse Billigflaggenpraxis in der Fischerei, oder mit Global Witness über die Zweckentfremdung von Geldern aus dem liberianischen Schifffahrtsregister, um damit den Sturz der Regierung eines Nachbarstaates zu finanzieren.
Wir haben uns insbesondere sehr um die Verbesserung der ITF-Bildungsarbeit für Gewerkschaften in allen Teilen der Welt bemüht, wie die ITF-Sommerschule zeigt. Zudem haben wir unsere Kommunikation radikal erweitert, etwa indem wir die ITF-Website aktiver gestalteten, E-Mail-Gruppen mit Gewerkschaftsaktivist/innen einrichteten und mit Transport International ein neues Magazin schufen. Wir haben weit mehr Kontakt mit Funktionären vor Ort und sogar den Mitgliedern unserer angeschlossenen Gewerkschaften als je zuvor. Dank des Internets lässt sich die Kommunikationspyramide abbauen, die in Neu-Delhi als ein Haupthindernis auf dem Weg zu mehr Solidarität identifiziert wurde.
Tausende Gewerkschaftsmitglieder haben in den letzten vier Jahren viel über internationale Solidarität und die ITF gelernt. Hunderttausende haben sich direkt an ITF-Aktivitäten beteiligt. Dank dieses Einsatzes der angeschlossenen Gewerkschaften hat die ITF vermutlich mehr Möglichkeiten denn je, die Interessen der Beschäftigten in der weltweiten Verkehrswirtschaft zu vertreten und den Herausforderungen der Globalisierung zu begegnen.
Beim ITF-Kongress in Vancouver müssen und werden wir auf diese neue Stärke bauen.