Berichte von der Basis
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ITF-Kampagnen: eine positive Bilanz
Die Umsetzung der ITF-Strategie „Solidarität mobilisieren“ zog in den letzten vier Jahren auch eine Intensivierung der Kampagnenarbeit nach sich. Die Verlagerung des Schwerpunkts auf Kampagnen wiederum erfordert die Beteiligung von mehr Gewerkschaften und einer größeren Zahl von Mitgliedern. Neben der seit langem laufenden Kampagne gegen Billigflaggen in der Schifffahrt wurden unter anderem die Kampagnen „Übermüdung tötet“ für Fahrpersonal, „Sicherheit geht vor Profit“ für Bahnbeschäftigte, „Schluss mit Flugkoller“ für Kabinenpersonal und die Mobilmachung gegen den Entwurf der EU-Richtlinie über Hafenumstrukturierungen gestartet.
Konnte man mit dem Konzept „Solidarität mobilisieren“ wirklich mehr angeschlossene Gewerkschaften und deren Mitglieder ansprechen? Hat man mit den ITF-Kampagnen überhaupt den Bedürfnissen der von der Umstrukturierung ihrer Sektoren betroffenen Gewerkschaften vor Ort entsprochen? Fünf Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt berichten von ihren Erfahrungen.
Uns wurden die Augen geöffnet
Selbst entlegenen Regionen, für die ein Bahnanschluss überlebenswichtig ist, droht die Bahnprivatisierung. Brian Stevens aus Ontario (Kanada), Eisenbahner in dritter Generation, ist Präsident der Geschäftsstelle 103 der Canadian Auto Workers (CAW). Er führte in seiner Heimat eine breit angelegte Kampagne gegen den Ausverkauf der Bahn. Hier erläutert er, inwieweit die Zugehörigkeit seiner Organisation zum ITF-Netz der Bahngewerkschaften für die Aktivitäten vor Ort von Vorteil war.
„Im Dezember 2000 gab die Regierung von Ontario bekannt, dass sie unseren Bahnbetrieb privatisieren wollte. Sie wollte sogar einige Bahndienste durch Busverbindungen ersetzen. In dieser Region aber ist die Bevölkerungsdichte äußerst gering, gleichzeitig fallen die Winter sehr streng aus. Ein gutes Beispiel dafür ist Moosonee: Man kann den Ort nicht über Straßen erreichen. Wer sich keinen Flug leisten kann, ist auf die Bahn angewiesen. Gemeinden wie Moosonee brauchen sie auch dringend für die Beförderung von Gütern aus den Minen und Sägewerken. Die Ontario-Northland-Bahn wurde 1902 zur Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des entlegenen Nordens gebaut. Sie gehört zu den letzten staatseigenen Bahnen in Nordamerika. Jetzt sollte diese Lebensader gekappt werden.
Wir mobilisierten also die Gemeinden, die örtlichen Unternehmen und andere Anlieger entlang der Bahnlinie sowie die fast 800 Bahnbeschäftigten, deren Arbeitsplätze gefährdet waren. Wir brachten die Belegschaftsangehörigen dazu, auf die Dollarnoten in ihrer Lohntüte einen Sticker mit der Aufschrift „Kein Verkauf von Ontario Northland“ zu kleben. Wenn sie das Geld – rund 1 Million kanadischer Dollar wöchentlich – bei Einzelhändlern, Autoreparaturwerkstätten und Zahnärzten vor Ort ausgaben und die Geldscheine daraufhin von einem Besitzer zum anderen wanderten, konnte jeder sehen, dass dieses Geld fehlen würde, wenn die Bahn nicht mehr da sein würde. Die Kampagne bekam dadurch beträchtlichen Auftrieb.
Wer in einer so abgelegenen Region lebt, hat manchmal das Gefühl, vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. Als überall privatisiert wurde, konnten wir uns nicht im Traum vorstellen, dass irgendeine Regierung uns so etwas antun könnte. Zum Glück war ich als CAW-Delegierter 1994 beim ITF-Kongress in Genf mit dabei. Dort erfuhr ich aus erster Hand, dass man in allen Regionen mit denselben Arbeitsplatzumstrukturierungen zu kämpfen hat und die Regierungen überall von den Bahnunternehmen zur Privatisierung gedrängt werden. Und ich erfuhr auch, was das für die Bahndienste, die Arbeitsplätze und die Regionen bedeutet.
1999 war die CAW Gastgeber der Interamerikanischen ITF-Bahnkonferenz in Toronto. Daran nahm auch eine Reihe von Spitzenfunktionären der Geschäftsstelle 103 teil. Was sie dort erfuhren, öffnete ihnen die Augen. Im März 2000 beteiligte sich unsere Geschäftsstelle am ersten Aktionstag der ITF. Wir sorgten dafür, dass die Reisenden an diesem Tag unentgeltlich Bahn fuhren. Alle Gemeinden entlang der Bahnlinie veröffentlichten Erklärungen, in denen sie die ITF-Kampagne unterstützten! Doch die Privatisierung war bei uns noch immer nicht aktuell, weshalb einige Mitglieder auch keine Notwendigkeit für eine Teilnahme am ITF-Aktionstag sahen.
Als 2001 der zweite Aktionstag stattfand, war die Privatisierungsdebatte gerade in vollem Gang. Die Mitglieder waren schockiert: „Wie kann man die Bahn bei uns nur genauso privatisieren wie in Großbritannien?“ Plötzlich engagierten sie sich. Am diesjährigen Aktionstag am 26. März 2002 verteilten wir in den Bahnhöfen und Zügen Postkarten und die neueste Ausgabe von „Transport International“ und hoben besonders die Artikel über Südafrika und die britische Bahnumstrukturierung hervor.
Wir haben den Gemeinderäten Informationsmaterial zur Verfügung gestellt, das von der ITF angeschlossenen Gewerkschaften stammt und beweist, dass Privatisierung mit schlechterer Dienstleistungsqualität, geringerer Sicherheit, steigenden Kosten und Arbeitsplatzverlusten einhergeht. Die Regierung konnte unsere Argumente bislang nicht widerlegen. Sie prescht weiter auf dem Privatisierungsweg voran, doch wir haben sie auf jeden Fall etwas gebremst. Ich konnte mittlerweile Kontakte zu Leuten in aller Welt knüpfen. Vielen bin ich noch nie begegnet – die Kommunikation findet ausschließlich über E-Mail statt. Die der ITF angeschlossenen Gewerkschaften tauschen untereinander jede Menge Informationen aus. Ich kann mich direkt an die für die Sektion Verantwortlichen im Londoner ITF-Hauptsitz wenden, kann mich über Kampagnenstrategien informieren und andere Aktivisten finden, die mich beraten. Zuweilen braucht man Kontakt zur Außenwelt, damit man mit seinen Plänen auf dem Boden der Tatsachen bleibt.
Wir glauben zwar, weit abgelegen zu sein, doch die Welt ist klein und die Bahn-Tycoons finden uns. Und sie werden keine Unterschiede zwischen uns machen, welche Farbe ihre Lokomotiven auch haben.“ Mehr über die Kampagne in Ontario unter www.developingthenorth.com
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