Am Hebel der Macht
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Verkehrsbeschäftigte und ihre Gewerkschaften haben mehr Macht, als ihnen bewusst ist, meint Roger Saley
Im August 2002 hieß es in der Fernsehnachrichtensendung BBC Newsnight, dass "Verkehrsbeschäftigte innerhalb der modernen Weltwirtschaft eine strategische Position einnehmen." Das war eine prophetische Aussage: Im darauf folgenden Monat wurden Mitglieder der International Longshoremen and Warehousing Union (ILWU) an der Westküste der Vereinigten Staaten zehn Tage lang von der Arbeitgeberorganisation Pacific Maritime Association ausgesperrt, was die US-amerikanische Wirtschaft schätzungsweise 2 Mrd. Dollar am Tag kostete.
Auch in Teilen der Wissenschaft findet die wirtschaftliche Bedeutung der Logistikbeschäftigten und ihrer Gewerkschaften Akzeptanz. Edna Bonacich und Jake B. Wilson bezeichneten diese Arbeitnehmer/innen in einem vor kurzem veröffentlichten Bericht als "das Kreislaufsystem des globalen Kapitalismus. Die globale Produktion und Distribution verleiht ihnen die Rolle strategisch entscheidender Akteure."
Wenn das stimmt, warum sind sich die Verkehrsbeschäftigten, insbesondere im Logistikbereich, und ihre Gewerkschaften dieser neuen Macht selbst noch nicht bewusst und setzen sie zur Verbesserung ihrer Beschäftigungsbedingungen ein?
Globalisierung und das Liefernetzwerk
Die globale Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Die Entwicklungen und Verbesserungen dieser Infrastruktur schaffen die entscheidenden Voraussetzungen für die Globalisierung, indem sie die Integration der weltweiten Wirtschaftsbeziehungen ermöglichen. Genau im Zentrum dieser Globalisierung befinden sich die Logistikbeschäftigten, insbesondere im Verkehrsbereich. Das Phänomen der Globalisierung mag zwar neu sein, seine Grundgedanken beruhen jedoch nach wie vor auf der althergebrachten Logik des Kapitalismus.
Viele Beschäftigte im Logistikbereich überblicken allerdings nur einen kleinen Teil ihres Liefernetzwerks und sind sich ihrer eigenen Rolle oder der anderer Logistikbeschäftigter innerhalb dieser Netzwerke nicht bewusst. Verkehrsbeschäftigte müssen ihre Logistiknetzwerke und die ihnen innewohnenden Schwachstellen verstehen. Welches sind die zentralen Beschäftigtengruppen? Wo ist ihr Platz in der globalen Lieferkette? Gibt es bestimmte wichtige Termine im Jahresablauf, z. B. der Monat Oktober für Weihnachtslieferungen? Ihr Liefernetzwerk zu durchschauen und zu verstehen, verleiht den Logistikbeschäftigten Macht.
Viele Verkehrsbeschäftigte kamen im Zuge des Wachstums schlanker Produktionskonzepte erstmals mit Logistik in Berührung. Schlanke Produktion ist in starkem Maße von Just-in-Time-Liefersystemen und minimierten Lagerbeständen abhängig. Mittlerweile ist sie so fest in unternehmerisches Denken eingegangen und in Unternehmensphilosophie und -praxis integriert, dass wir heute kaum noch bewusst darüber nachdenken. Ihre Auswirkungen auf die Verkehrsbeschäftigten sind jedoch erheblich und Tag für Tag spürbar.
Der Einzelhandel hat die verarbeitende Industrie als zentrale Branche der Weltwirtschaft abgelöst, bedingt durch die Rolle der riesigen Einzelhandelsketten, die heute die strategischen Höhen entwickelter Wirtschaftssysteme besetzen. Im Zentrum dieser globalen Lieferketten sitzen die Wal-Mart-, Home Depot-, Tesco- und Carrefour-Märkte der Welt. Diese Unternehmen stützen sich zunehmend auf schlanke Einzelhandelsmethoden, die ebenfalls in starkem Maße von Just-in-Time-Systemen und minimierten Lagerbeständen abhängig sind.
In den vergangenen Jahren war weithin zu beobachten, wie zahlreiche Unternehmen, Hersteller wie Einzelhändler, ihre Transportabteilungen auslagerten und auf dem Markt ausschrieben. Der Druck des Marktwettbewerbs bedingte die Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen der ausgelagerten Verkehrsbeschäftigten. Die Ausschreibung der Verträge, die noch dazu alle zwei bis drei Jahre von einer Hand zur nächsten wandern können, hat die Arbeitsplatzunsicherheit im Verkehrssektor verschärft. Manche Arbeitnehmer/innen wechseln mit dem Vertrag zu einem anderen Arbeitgeber, andere bleiben in ihrem alten Unternehmen, wieder andere verlieren ihren Arbeitsplatz.
Gleichzeitig beobachten wir das Entstehen und die Expansion globaler Logistikunternehmen. Diese Unternehmen verlassen ihre angestammten Verkehrsbranchen, z. B. den Bahn- oder Schifffahrtssektor, um ihren Kunden komplette globale Lieferkettenlösungen anzubieten. So entwickelt sich z. B. Schenker, eine Abteilung des Verkehrsriesen Deutsche Bahn, rapide zu einem globalen Logistikunternehmen. Ein weiteres Beispiel ist das weltweit größte Containerschiffunternehmen Maersk, das heute ebenfalls globale Lieferkettenlösungen anbietet. DHL, das wohl größte Logistikunternehmen der Welt, ist wiederum ein Tochterunternehmen der Deutschen Post.
Die Konsolidierung der Logistikindustrie schreitet immer schneller voran. Vor nicht allzu langer Zeit wurde der britische Dienstleister Christian Salvesen von der französischen Transport- und Logistikgruppe Norbert Dentressangle übernommen.
Alle diese Logistikanbieter, ganz gleich wie groß oder wichtig sie innerhalb der nationalen oder globalen Liefernetzwerke sind, stehen jedoch unter permanentem Kostensenkungsdruck. Es wird niemanden überraschen, dass dieser von den Einzelhandelsriesen ausgeht. Angesichts der Tatsache, dass auf den Faktor Arbeit der größte Anteil der Transportkosten entfällt, wird den Logistikbeschäftigten durch Einschnitte in ihre Beschäftigungsbedingungen die Hauptlast der Kostensenkungen aufgebürdet.
In den kommenden Jahren wird der Logistiksektor umwälzende Veränderungen erleben, sowohl im Hinblick auf eine Konsolidierung aufgrund der zunehmenden Zahl von Unternehmensübernahmen, als auch durch den dadurch bedingten Abbau von Arbeitsplätzen. Aber auch technologische Veränderungen, z. B. die automatische Identifizierung und Lokalisierung von Gütern durch Radio Frequency Identification (RFID), und veränderte unternehmerische Konzepte zur Verkürzung der Lieferketten zwischen Herstellern und Endverbrauchern unter Umgehung des Zwischenhandels werden sich erheblich auf den Verkehrssektor auswirken.
Druck ausüben
Es ist leicht nachvollziehbar, dass sich Fahrer/innen von Kleintransportern und Lkws, Lagerbeschäftigte, Verwaltungsangestellte oder IT-Techniker/innen im Verkehrssektor oder nachgeordneten Bereichen angesichts dieser globalen Mächte oft isoliert und hilflos fühlen. Aber die Realität sieht völlig anders aus, und das wird, wie bereits festgestellt, sowohl von den Medien als auch der Wissenschaft bestätigt. Wenn die Vorteile der Globalisierung voll zum Tragen kommen sollen, muss die strategische Bedeutung der Logistikbeschäftigten anerkannt und gewürdigt werden. Im Zeitalter des Netzwerks werden Logistikbeschäftigte zu zentralen Akteuren der Weltwirtschaft.
Die bedeutende Rolle dieser Verkehrs- bzw. Logistikbeschäftigten wird auch von der Europäischen Transportarbeiter-Föderation (ETF) und der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), dem globalen Gewerkschaftsverband der Verkehrsbeschäftigten, anerkannt. Ihnen und Teilen der ihnen angeschlossenen Gewerkschaften ist bewusst, wie wichtig es ist, die heutige und – was vielleicht noch wichtiger ist – die künftige Funktionsweise dieser Unternehmen zu verstehen. Sie haben durchschaut, dass schlanke Einzelhandelskonzepte die Liefernetzwerke zunehmend erschütterungsanfällig machen. Diese Erschütterungen können in unterschiedlichen Formen auftreten, eine davon sind zweifellos Arbeitskampfmaßnahmen.
Die Unternehmen treffen Vorsorge für solche Erschütterungen, jedoch betrifft das allenfalls eine Vergrößerung ihrer Lagerbestände oder die Suche nach alternativen Distributionswegen. Überschreiten solche Vorsorgemaßnahmen allerdings ein bestimmtes Maß, verlieren die Unternehmen die Vorteile schlanker Einzelhandelsprozesse.
Die Struktur des Kapitalismus hat sich zwar geändert, die Strukturen vieler Gewerkschaften, auch im Verkehrssektor, basieren jedoch nach wie vor auf dem alten fordistischen Kapitalismussystem. Unserer Ansicht nach müssen die Gewerkschaftsstrukturen den Realitäten des modernen Kapitalismus angepasst werden. Aber haupt- und ehrenamtliche Gewerkschaftsmitglieder sind innerhalb der fordistischen Strukturen aufgestiegen und haben wenig oder gar kein Interesse an Veränderungen. Jede Umbildung der bestehenden Gewerkschaftsstrukturen könnte zu Machtverschiebungen innerhalb ihrer Organisationen und in den Beziehungen zu anderen Gewerkschaften, nicht zuletzt auch innerhalb ihres globalen Gewerkschaftsverbands, führen.
Dasselbe gilt für die globalen Gewerkschaftsverbände. Auch sie basieren auf alten fordistischen Modellen, die zwischen ihnen bestehenden Grenzen verwischen jedoch zunehmend. Der Kapitalismus unterscheidet nicht mehr zwischen dem Postsektor und dem Logistiksektor, die globalen Gewerkschaftsverbände hingegen schon.
Die Herausforderung für die Logistikbeschäftigten liegt nach Ansicht von Bonacich und Wilson nicht nur darin, "ihre eigenen Gewerkschaften in Ordnung zu bringen und die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen, sondern auch darin, sich ihres Potenzials beim Ausbau der Macht der Arbeiter/innenklasse bewusst zu werden, um sie in die Lage zu versetzen, das globale Kapital mit rigorosen Forderungen zu konfrontieren".
Die internationale Gewerkschaftsbewegung muss wiederum realisieren, dass der Logistiksektor die Verarbeitungsindustrie als Kernbereich der modernen Wirtschaft abgelöst hat. Zudem müssen die Gewerkschaften die Wirtschaft und ihre künftige Richtungsnahme durchschauen, damit ihre Mitglieder Kontrolle über die Entwicklungen gewinnen können, statt wie in der Vergangenheit nur auf die Vorstöße der Unternehmensleitungen zu reagieren.
Das Kapital wird sich weiterentwickeln, und wenn die Gewerkschaften ihre Strukturen nicht ändern, laufen sie Gefahr, zunehmend in Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Von Charles Darwin stammt das Zitat: "Nicht die stärksten oder die intelligentesten Spezies werden überleben, sondern diejenigen, die sich am schnellsten anpassen". Die Logistikbeschäftigten haben bereits bewiesen, dass sie anpassungsfähig sind. Die nationalen und internationalen Gewerkschaften und ihre Globalen Gewerkschaftsverbände stehen nun vor der Aufgabe, sich den Veränderungen im Logistikbereich anzupassen. Tun sie das nicht, riskieren sie ihren eigenen Untergang.
Roger Sealey ist als Forschungsbeauftragter für die TGWU-Sektion der britischen Gewerkschaft Unite tätig, schreibt jedoch hier in eigener Sache.