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Contexto de página: Página principal > Revista 'Transporte Internacional' > Nr. 35 / April 2009 > Mord auf See
Aus der Luft betrachtet, sieht die Insel Tual idyllisch aus. Umrahmt von Kokospalmen und perlweißen Stränden liegt sie inmitten der azurfarbenen Weite der Bandasee am Ostrand Indonesiens. Für Hunderte burmesische Fischereibeschäftigte, die dort festsitzen, ist Tual jedoch zu einem wahren Gefängnis geworden.
Nach den Ergebnissen einer jüngsten ITF-Mission zu der Insel, befinden sich auf Tual und den umliegenden Inseln, die fast 3.000 Kilometer östlich der indonesischen Hauptstadt Jakarta liegen, zwischen 700 und 1.200 nicht gemeldeter, entflohener burmesischer Seeleute. Auf der Flucht vor Mord auf hoher See und brutalen Arbeitsbedingungen finden sie in Indonesien relative Sicherheit. Dennoch leben sie in ständiger Angst vor der Verhaftung und Deportation zurück nach Thailand oder in ihr von einer Militärdiktatur beherrschtes Herkunftsland.
Viele dieser im Stich gelassenen Seeleute, darunter auch Soe Min und sein Freund Saing Winna, schlagen sich mehr schlecht als recht durch, indem sie im bewaldeten Innern der Insel nach Nahrungsmitteln suchen oder Anbau betreiben. Für sie ist diese entlegene, wenig bekannte Insel Tausende von Kilometern entfernt von ihrer militärregierten Heimat alles andere als ein Paradies.
"Wir bleiben hier, weil wir keine andere Wahl haben. Eigentlich wollen wir nicht in einem anderen Land leben, alle wollen zurück nachhause," so Saing Winna.
"Die Burmesen hier haben viele Probleme," meint Soe Min. "Und zwar keine kleinen, sondern große Probleme. Sie vermissen Burma und müssen viel Elend erdulden. Ich habe schon erlebt, dass Menschen vor mir gleichzeitig lachend und weinend zusammengebrochen sind. Das ist ihr Lebensgefühl."
Soe Min berichtet, dass er vor einer extremen Wahl stand: Entweder auf seinem Fangschiff zu bleiben und zu sterben oder nach der Ankunft auf Tual vom Schiff zu fliehen. Heute ist er der Wortführer der im unfreiwilligen Exil lebenden Fischereibeschäftigten, und hat Rückhalt durch seine Heirat mit Popi, einer Einheimischen, die ein kleines Haus in einem nahe gelegenen Dorf besitzt.
Brutalität an Bord
Wir trafen Soe Min und eine Gruppe von acht weiteren burmesischen Fischereibeschäftigten in einem Versteck im Urwald. Der 33 Jahre alte, mittelgroße und kräftig gebaute Soe Min desertierte von der burmesischen Armee und floh aus dem Land, nachdem man ihm befohlen hatte, unschuldige Dorfbewohner/innen zu massakrieren.
"Wo immer wir in ein Dorf kamen, konnte man davon ausgehen, dass das Dorf ein Problem hatte," berichtet er. "Es gab Kämpfe und Schießereien. Der Kommandant befahl uns, alle männlichen Dorfbewohner zu töten und das Dorf niederzubrennen. Wir mussten seine Befehle befolgen. Einige wussten gar nicht, worum es geht, darunter gerade einmal 15-jährige Jungen. Wir töteten sie alle."
Aber auf See, illegal beschäftigt auf einem thailändischen Fangschiff, mit falschen thailändischen Papieren und nebulösen Heuerversprechungen stieß Soe Min auf eine Welt, die genauso brutal war, wie die, vor der er geflohen war.
Er erinnert sich, wie einer seiner Freunde auf See ermordet wurde.
"Seitdem wir Thailand verlassen hatten, war mein Freund ständig seekrank. Er kannte sich mit der Arbeit nicht aus. Der Kapitän konnte ihn nicht ausstehen. Mein Freund sprach kein Thailändisch und konnte deshalb auch nicht verstehen, was der Kapitän ihm sagte.
"Wasser lief über das Deck, und ein Tintenfisch war aus einem Korb gefallen. Der Kapitän brüllte ihm zu, er solle ihn aufheben, aber er verstand ihn nicht. Schließlich wurde der Tintenfisch über Bord gespült.
"Der Kapitän kam herunter und schlug ihn mit einem Rohr. Mein Freund hob die Hand, um den ersten Schlag abzuwehren, dabei wurde seine Hand gebrochen. Der zweite Schlag zerschmetterte sein Schulterblatt.
"Dann traf er seinen Hinterkopf. Mein Freund fiel auf die Planken. Andere thailändische Kollegen standen in seiner Nähe. Der Kapitän ließ das Rohr fallen, wusch sich die Hände und ging zurück ins Ruderhaus. Er befahl seinen Leuten, ihn über Bord zu werfen. Wir sahen aber, dass er noch lebte.
"Zurück im Ruderhaus nahm der Kapitän das Megafon und drohte allen: Was glotzt ihr so. Geht zurück an die Arbeit. Wenn ihr genauso enden wollt, verhaltet euch nur wie er!"
Soe Min wurde Zeuge einer weiteren Mordtat des thailändischen Kapitäns.
"Einer der Seeleute verrichtete sein Geschäft über der Bordseite," erinnert er sich. "Einige Besatzungsmitglieder meldeten das dem Kapitän. Der kam herunter, sah sich um, nahm ein Stück Rohr und schlug damit nur einmal auf ihn ein. Wir sahen, dass er getroffen wurde, aber wir sahen nicht genau, wo. Er fiel direkt ins Wasser.
"Nach diesem Vorfall hatten alle panische Angst, zu scheißen oder zu pinkeln, wenn an Bord viel zu tun war. Einige machten sich bei der Arbeit in die Hosen."
Sklaven und Gefangene
Der 45-jährige Saing Winna ist unverheiratet und führt auf Tual ein einsames Leben. Er ist Mitglied der ethnischen Minderheit der Chin, legendäre Dschungelkämpfer, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Alliierten gegen Japan kämpften. Er entgeht den ständig wiederkehrenden Suchaktionen der Polizei und der Einwanderungsbehörde, indem er sich im Wald versteckt.
"Meiner Meinung nach werden unsere burmesischen Seeleute wie Hunde und Schweine abgeschlachtet. Ich wurde von Arbeitsvermittlern in die Sklaverei verkauft und von einer Hand zur nächsten weitergereicht. Schließlich wurde ich an ein Fischereiunternehmen in Mahachai in der Nähe von Bangkok verkauft," erzählt Saing.
"Als ich auf dem Schiff war, schlug ein thailändischer Koch vor meinen Augen mit einer Eisenstange auf einen von unseren burmesischen Männern ein. Der Kapitän fragte, ob der Mann tot sei. Ich sagte: Er ist noch am Leben, lasst ihn in Ruhe, ich werde mich um ihn kümmern.
"Der Mann war am Hinterkopf getroffen worden, und sein Gehirn quoll heraus. Ich nahm ihn in die Arme. Er lag eine Stunde im Sterben, eine Stunde lang starb dieser junge Mann.
"Wir können nicht nach Burma zurückkehren, wir haben keine Kontakte. Und wer Kontakte hat, hat kein Geld. Wir haben zuhause in Burma eine Menge Probleme, deshalb können wir nicht zurück."
Die verlassenen Fischereibeschäftigten auf Tual gehören zu einer drei Millionen Menschen umfassenden Diaspora, die auf der Flucht ist vor einem 60 Jahre währenden Bürgerkrieg und, seit den 1960er Jahren, vor aufeinander folgenden brutalen Militärregimes in ihrem Heimatland. Nach Schätzungen der ITF sind in der milliardenschweren, exportgetriebenen thailändischen Fischereiwirtschaft über 250.000 burmesische Wanderarbeitnehmer/innen tätig, darunter auch weibliche Beschäftigte in der Fischverarbeitungsindustrie. Aber nur 70.000 von ihnen sind legal angemeldet.
Wie Saing Winna wurden die meisten der Beschäftigten über die durchlässige Grenze zwischen Thailand und Burma geschmuggelt und innerhalb der thailändischen Fischereimafia von Vermittler zu Vermittler weiterverkauft.
Sind sie erst einmal auf einem thailändischen Fangschiff, erhalten sie falsche Papiere und arbeiten in mörderischen Schichten von 14 bis 20 Stunden für 50 US-Dollar im Monat. Wer Glück hat, bekommt vielleicht bei Vertragsende eine Prämie in Höhe von 9.000 US-Dollar, aber erst nach drei bis fünf Jahren auf See.
Der Präsident der der ITF angeschlossenen und im Exil in Bangkok (Thailand) operierenden Seeleutegewerkschaft Seafarers' Union of Burma (SUB) Aung Thu Ya begleitete uns bei unserem Besuch auf Tual.
"Thailändische Kapitäne und Schiffsführer begehen an unseren burmesischen Seeleuten unmenschliche Misshandlungen," berichtet er. "Diese grausamen Torturen richten sich nicht nur gegen Einzelpersonen, sondern gegen unser gesamtes Volk.
"Wirtschaftlich gesehen geht es unserem Land derzeit schlecht, wesentlich schlechter als Thailand. Darum werden Burmesen erniedrigt und ausgebeutet. Sie behandeln unsere burmesischen Seeleute ungerecht und herabwürdigend. Sie quälen sie, dabei haben sie ihr Vermögen und ihren Wohlstand uns zu verdanken."
Die der ITF angeschlossene indonesische Seeleutegewerkschaft KPI stellt nun Untersuchungen im Hinblick auf die Notlage der auf Tual festsitzenden burmesischen Seeleute an.
Passal Meli, hauptamtlicher Mitarbeiter der KPI auf Tual, berichtet über die bisherigen Erkenntnisse: "Die KPI ist intensiv darum bemüht, sich ein konkretes Bild von der Situation zu machen. Wir erhalten Daten und Informationen vom Hafenmeister. Wir nehmen Kontakt zur Einwanderungsbehörde, Reedern und Arbeitgebern auf und mahnen sie, Nötigungen, Schläge und strafbare Handlungen auf See zu unterbinden. Schließlich sind sie Seeleute, genau wie wir.
"Es handelt sich hier ganz klar um Verbrechen, denn niemand hat das Recht, einen anderen zu töten. Jeder sollte denken, dass er es mit einem anderen Menschen zu tun hat. Wir sollten friedlich miteinander leben. Wenn ein Mensch einen anderen umbringt, verstößt er gegen das Gesetz – gegen das indonesische Gesetz genauso wie gegen internationales Recht."
Die indonesischen Behörden reagieren allmählich auf die Misshandlungen an burmesischen Fischereibeschäftigten auf thailändischen Fangschiffen. Johannes Saija, der Leiter der Einwanderungsbehörde auf Tual, erklärte der ITF: "Wenn sie hier ankommen, seien es Burmesen, Kambodschaner, Inder oder Thailänder, haben sie alle thailändische Papiere.
"Wegen der gewalttätigen Übergriffe des Kapitäns, die sie an Bord erlebt haben, wollen sie nicht zurück aufs Schiff. Deshalb bleiben sie auf Tual und machen dann Probleme. Einheimische melden sie daraufhin der Einwanderungsbehörde, und wir verhaften und deportieren sie.
"Sie tun uns Leid. Manche leben im Urwald, andere bei Einheimischen. Sie haben Probleme, genug zu essen zu finden, deshalb ist es besser, wenn die Einwanderungsbehörde sie erwischt, hierher bringt und in ihr Heimatland zurückschickt."
Trotz ihres stattlichen Bürogebäudes hat die Einwanderungsbehörde von Tual keine ausreichenden Mittel und Ressourcen, mehr als zwölf Häftlinge gleichzeitig festzuhalten. Und – bittere Ironie des Schicksals – sie verlässt sich auf das zweifelhafte Wohlwollen thailändischer Schifffahrtsunternehmer, die Abschiebehäftlinge nach Thailand zurückzubringen, womit der Rachekreislauf von vorne beginnt.
Der in einer Abschiebezelle der Einwanderungsbehörde einsitzende 24-jährige Phyoe Maung Maung schildert im Gespräch mit der ITF, wie er vom Schiff floh und sich vierzehn Monate auf Tual versteckt hielt, bis er verhaftet wurde.
"Wir werden mit thailändischen Schiffen zurückgebracht. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, welche Probleme uns da drohen," sagt er.
Sein Landsmann und Mithäftling Ko Yasha ist schlichtweg verzweifelt über die bevorstehende Trennung von seiner einheimischen Frau und seinen zwei kleinen Töchtern.
"Eine ist zwei Jahre alt, die andere ist gerade ein Jahr alt geworden. Ich muss sie zur Schule schicken, und meine Frau hat keine Arbeit. Ich bin der alleinige Ernährer der Familie," klagt er. "Ich bin so traurig wegen meiner Kinder. Ich werde zurückkommen, wenn sie mich nicht wieder verhaften. Wir wissen nicht, ob sie uns auf dem Schiff schlagen, treten oder umbringen werden. Wir können froh sein, wenn wir das heil überstehen."
David Browne ist freischaffender Enthüllungsjournalist.
Página inicial:
Issue 35 - April 2009
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